Wenn ein Tabu-Thema Verständnis einfordert


 
 

Ich konnte das Gerüst nicht mehr tragen, es wurde zu viel. Ich muss wieder komplett Frieden mit Körper und Geist schließen

 
 
Da fiel mir heute Morgen doch glatt die Kaffeetasse aus der Hand, als ich in der Morgenlektüre der Aachener Zeitung lesen musste das unsere Nummer 1 Niklas Jakusch psychisch erkrankt ist. Nun sind Meldungen und Handlungen des Vereins bzw. Spielers verständlicher geworden, wo man sich vor ein paar Wochen noch fragte was denn da los ist.
 
Niklas Jakusch, der vor der Saison vom TuS Erndtebrück an den Tivoli wechselte, war vom Anfang an nicht unumstritten in der Fanszene. So zeigte er mal starke Paraden, auch Patzer und Unsicherheiten die schnell in diversen Social Medien dazu verleiten ließen das er besser auf die Bank gehört. Anfang November 2018 machte Niklas Jakusch dann sein vorerst letztes Spiel im Alemannia Tor, beim Bonner SC gab es ein 1:1. Eine Woche später las man im Vorbericht zum bevorstehenden letzten Heimspiel der Hinrunde gegen die Zweitvertretung von Borussia Dortmund: Ein Fragezeichen steht hinter dem Einsatz von Torhüter Niklas Jakusch, der aufgrund eines grippalen Infekts im Training kürzer treten musste. Für ihn würde gegebenenfalls Daniel Zeaiter zwischen die Pfosten rücken.” In der Woche nach dem Spiel hat er komplett verunsichert gewirkt, etwas stimmte nicht er war nicht frei im Kopf, so die Beobachtung von Trainer Fuat Kilic. Niklas wird kardiologisch, neurologisch und orthopädisch untersucht – ohne jeden Befund. Später erklärte man den Torwartwechsel mit einer Viruserkrankung unter der Niklas leidet.
 
 

Mit dieser Idee wollten wir ihm allen Druck nehmen

 
 
In der Winterpause wurde dann plötzlich händeringend ein weiterer Torwart gesucht, wo man sich gefragt hat “warum diese Not?” Haben wir mit unserer Nummer 2 und 3 nicht ausreichend gute Leute im Hintergrund, im Zweifel sogar noch ein guter A-Jugend Torhüter? So gaben sich bis zu drei Torhüter die Klinke in die Hand und wurden im Training und Testspielen gecastet. Trainer Fuat Kilic wollte in Absprache mit Niklas Jakusch einen weiteren ambitionierten Torwart verpflichten um den Druck zu nehmen. Am Ende machte das Budget einen Strich durch die Rechnung, und vielleicht kann man jetzt dieses auch irgendwo nachvollziehen warum es da so hektisch wurde.
 
 

Ich musste Fuat zu meinem Glück nicht suchen, ich hatte ihn

 
 
Heute nun wurde es publik seitens der Aachener Zeitung, wobei ich es schöner empfunden hätte wenn der Verein dies zuerst vermeldet hätte. Das hätte diesem und vor allem Niklas Jakusch zugestanden. Es ist leider immer noch ein Tabu Thema mit solch einer Erkrankung an die Öffentlichkeit zu gehen, deshalb großen Respekt an Niklas das er dies nun gemacht hat. Diese Erkrankung hat weniger mit dem Sport zu tun sondern ist laut Niklas eher im persönlichen Umfeld angesiedelt. Nach einem Herzinfarkt seines Vaters setzte bei ihm Panik ein, vor einer eigenen Herzkreislauferkrankung.  Als Niklas merkt das es nicht mehr geht offenbart er sich seinem Trainer, der schnell akzeptiert das auch Profis nicht immer funktionieren wie eine Maschine.  Der Verein und Trainer helfen ihm in dieser schweren Zeit, das auch nicht so selbstverständlich ist wie es sich anhört. Nach einigen Wochen Pause und psychologischer Betreuung kehrte er zum Trainingstart im Januar wieder ins Mannschafstraining zurück. Er bestimmt nun selbst seine Intensität und Rhythmus, Alemannia lässt ihm die Zeit die er braucht. Die Mannschaftskollegen wurden informiert wie es um die Nummer 1 bestellt ist. Er braucht nun Zeit, und diese Zeit bekommt er. Da spielt auch ein auslaufender Vertrag des 29-jährigen keine Rolle, denn es gibt keine zeitlichen Prognosen und es gibt auch niemanden, der Tempo einfordert.
 
Für solch eine Erkrankung gibt es in den ärztlichen Fachkreisen die Diagnose „Belastungsstörung“, die verbunden ist mit depressiven Phasen. Der Körper des Leistungssportler funktionierte nicht mehr. Leider ist es auch im Jahre 2019 noch so das dieses Thema eher defensiv behandelt wird. Es gibt immer noch die Befürchtung das ein Outing dazu führt das die Karriere beendet wird, da niemand mehr einen solchen Spieler haben will. Ganz zu schweigen von der “Häme” die man auf dem Platz ausgesetzt wäre und die einem aus der Fankurve entgegen schallen könnte. Diese Erfahrungen mit solch einem Druck mussten schon einige Spieler, Trainer und auch Schiedsrichter hinnehmen. Man erinnert sich noch an Hannovers Torwart Robert Enke, der sein Leben beendete oder an Schiedsrichter Babak Rafati, der einen Selbstmordversuch unternahm. Auch Trainer sind vor solch einer Erkrankung nicht gefeit, Ottmar Hitzfeld in seiner Dortmunder Zeit sowie Ralf Rangnick durchlebten ähnliche Erfahrungen mit dieser Erkrankung.
 
Wie gut das sich Niklas offenbart hat und ihm geholfen wird, vor allen mit dem Wissen das man hinter ihm steht um ihm zu helfen diese Krankheit zu überwinden. Da sollten auch wir Fans dran mitwirken. Man ist als Fan geneigt viel zu schnell über jemanden zu urteilen. Auch wenn das Fußballgeschäft sehr schnelllebig ist, gerade wir in Aachen sind doch versucht das Rad ein bisschen fester zu halten damit es langsamer dreht.
 
Alles Gute Niklas – werde wieder gesund. 
 
 
 
Zum Artikel der Aachener Zeitung -> hier klicken
 
 
 
 

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