Wenn Anspruch und Wirklichkeit auseinander laufen


 
 
Nach der 4:2 Niederlage beim 1. FC Köln II ist am Aachener Tivoli wieder Tristesse angesagt. Bereits am sechsten Spieltag, bei einem Spiel weniger (Nachholspiel gegen Borussia Dortmund II), dümpelt man mit mageren 5 Punkten im Mittelfeld der Liga rum. Dort, wo man hinwollte, und zwar nach ganz oben, enteilen die Top-Teams aus Rödinghausen und Essen und sind schon fast außer Sichtweite. Am 23. Juli 2019 hatte ich hier im Blog von dem großem Aufbruch geschrieben, und was die Euphoriewelle nach dem Bitburger Pokalsieg 2019 mit sich brachte und bringen könnte. Aber nach fünf Spielen, 1 Sieg, 2 Unendschieden und 2 Niederlagen, ist die Euphorie wieder futsch. Die Rücktrittsforderungen an Coach Fuat Kilic werden immer lauter, der Unmut wächst, die Hoffnungslosigkeit hat wieder Einzug gehalten rund um den Tivoli. Statt im Konzert der Oberen mitzuspielen gilt zunächst die Schadenbegrenzung.
 
Wie konnte es aber so weit kommen?
Die letzte Saison war nun auch nicht das Gelbe vom Ei, man kam schwer in die Gänge und schnupperte später ein wenig oben an die Spitze ehe man die letzten Spiele einfach vergab und am Ende einen Platz im oberen Mittelfeld erreichte. Dazwischen wurden aber schon die Grundlagen gelegt für die neue Saison. Bereits nach der Winterpause gelang es das nach und nach der Großteil des Kaders gehalten werden konnte. Vorbei die Zeiten wo man sich in der Vorbereitung zur neuen Saison an 22 neue Gesichter gewöhnen musste. Trainer Fuat Kilic sollte endlich mit einem Kader in die zweite Saison gehen, mit dem Vorteil das diese dann bereits eingespielt ist. Mit dem Sieg im Bitburger Pokalfinale 2019 belohnte sich die Mannschaft selbst, die Teilnahme am DFB-Pokal nach sieben Jahren war das Sahnestück – nicht nur finanziell sondern auch sportlich reizvoll gegen einen Championsleague Teilnehmer aus Leverkusen. Ganz ging der Wunsch am Ende nicht auf, im Sturm und auf die Torhüter Position bestand Handlungsbedarf. Das was dann nach Aachen transferiert wurde weckte Begehrlichkeiten, die Ziele wurden klar formuliert. Es sollte diese Saison oben angegriffen werden, das Wort Aufstieg wurde sogar von teilen der Mannschaft in den Mund genommen. Auch wir Fans nahmen es dankbar auf, so im Euphorierausch nach der jahrelangen Talfahrt. Aber es gibt und gab ja immer schon Mahner die es bereits vorher wussten das dies nur ein Luftschloss war. Der Kader ist zwar gut, aber um aufzusteigen nicht gut genug. Das Faustpfand der Eingespieltheit sollte den finanzstarken Ligarivalen entgegenstehen. Nach sechs Spieltagen und einen Blick auf die Tabelle zeigt es dann unbarmherzig – es reicht einfach nicht.
 

 
Wenn es in der Mannschaft nicht läuft, die Ergebnisse hinter den Erwartungen liegen, gerät auch schnell der Trainer in die Kritik. Fuat Kilic, einer der mit am längsten Trainer die hier am Tivoli arbeiten, hatte sich letzte Saison bereits weit aus dem Fenster gelehnt. Nur noch ein Jahr wollte er in der Regionalliga Trainer sein, und am liebsten mit Alemannia aufsteigen. Es war ein Fingerzeig wohin es gehen sollte mit der Alemannia. Offen wurde kommuniziert das man oben angreifen wollte, der Kern der Spieler konnten gehalten werden, neue Spieler sollten mehr Qualität in die Mannschaft bringen. Ein Appell der an die Sponsoren und Gönner gerichtet war, das sich endlich was bewegen muss in Aachen. Mit dem Bitburger Pokalsieg 2019 und dem Einzug in den DFB-Pokal konnte eine Euphorie entfacht werden die man nutzen wollte. Doch unter dem Strich war es zu wenig um die entscheidende Qualität nach Aachen zu holen, die man benötigt wenn man ernsthaft Aufsteigen will. Nach der ersten Niederlage in Wuppertal erfolgte bereits die Ernüchterung im ersten Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf II mit einem mageren 1:1. Schon nahm man das Wort Fehlstart in den Mund, und spätestens als auch Fuat Kilic selber Worte der Enttäuschung fand, und diese in 3 Gramm Gehirn Richtung Fans schoss, war es vorbei mit Stillhalten. Als Trainer ist er Verantwortlich bei der Zusammenstellung des Kaders, der Taktik, der Aufstellung und den Auswechslungen. Und an allem gibt es nun reihenweise etwas zu kritisieren. Zum ersten mal in seiner Alemannia Zeit werden die Rücktrittsforderungen an ihm lauter, vor allem nach der desolaten ersten Halbzeit in Köln am vergangenen Wochenende. So ist das wenn die Erwartung hoch geschraubt wurden und die Wirklichkeit eine andere Sprache spricht.
 
Angefangen von der Torwart-Diskussion bis hin zum Sturmproblem bzw. deren Chancenverwertung, momentan ist in allen Mannschaftsteilen eine Baustelle auszumachen. Vor allem an die taktische Ausrichtung scheiden sich die Geister. Passt das Kilic System nicht zur Mannschaft oder die Mannschaft nicht zum Kilic System? Warum spielt man vorne mit nur einem Stürmer, wenn sich gerade gegen die Aufsteiger aus Haltern und Homberg große Lücken im Zentrum auftaten? Warum steht ein Torwart im Tor der letzte Saison bei seinem vorherigen Arbeitgeber kaum in der ersten Elf stand, und der “erfahrenste” jüngere Keeper mit 31 Drittligaspielen hinten an steht? Wieso werden reihenweise auch die allerbesten Chancen vergeben? Was ist mit dem mauritischen Nationalstürmer, der uns als Heilsbringer verkauft wurde und bislang ganz unter seinen Möglichkeiten geblieben ist? Auch die Standards sind an Harmlosigkeit nicht zu überbieten. Weder Ecken noch Freistöße strahlen Gefahr aus, sie verpuffen nahezu wirkungslos. Dabei haben wir doch Filigrane und großgewachsene Spieler die aus diesen Chancen mehr machen könnten? Wieso spielte ein Manuel Glowacz auf die Außenposition und ein Robin Garnier auf einmal kurzzeitig zentral? Und zum Schluss die Aus- und Einwechslungen, wo man auch nicht mehr weiß wie das eigentlich zusammenpasst. Woran mag es liegen? Haben sich Fuat Kilic und die Alemannia einfach abgenutzt nach der langen Zeit? Spielen die Spieler gegen ihren Trainer? Fragen über Fragen die nun gestellt werden wenn es nicht so läuft wie es hätte laufen sollen.
 

 
Gut, es ist nicht alles schlecht. Wen man das Spiel im DFB-Pokal heranzieht, die nachfolgenden Spiele gegen die Aufsteiger TuS Haltern und VfB Homberg, dann sah das spielerisch schon richtig Klasse aus. Gerade die Angriffe über die Flügel mit Florian Rüter, André Wallenborn, Stipe Batarilo und vorne David Bors zeigten wie Hochgeschwindigkeitsfußball aussehen kann. Wäre da nicht die mangelhafte Chancenverwertung, die sich wie ein roter Faden von Saison zu Saison durchzieht. Mittelstürmer David Bors hätte sich alleine aus den beiden Spielen bequem und mit Abstand an die Torjägerliste der Regionalliga West setzen können, wenn er die Chancen doch nur verwandelt hätte. Mit seinen 14 Toren beim Bonner SC war der zweitbeste Torjäger der abgelaufenen Spielzeit der sogenannte Königstransfer nach Aachen. Nach seinem ersten Tor am fünften Spieltag gegen den VfB Homberg dachte man “der Knoten ist geplatzt”, um nur kurze Zeit später wieder eine große Chance hinterher zu trauern. Das Kämpfen und Rackern kann man ihm nicht absprechen, das sieht gut aus und zeigt das Engagement. Aber ein Stürmer wird nun mal an Toren gemessen, und da fällt die Quote noch zu dürftig aus. Zu allem Unglück verletzte er sich sich im Training und fällt nun mit einem Kreuzbandriss erstmal lange aus. Bei Gary Noel fragt man sich lange warum er überhaupt noch nicht zum Zug gekommen ist. Als Tormaschine angepriesen zeigte er in den Kurzeinsätzen und zuletzt auf der Bors Position viel zu wenig. Seid Jahren warten wir darauf dass das Sturmproblem endlich mal gelöst wird, eine Baustelle die man lange mit sich rumschleppt. Auch im Tor kommt keine Kontinuität hinein. Einen sicheren Rückhalt sucht man auch seid Jahren vergeblich. Diese Saison musste die Position dreifach ersetzt werden, ein gestandener Torhüter, ein jüngeres Talent und ein U19 Torhüter aus der eigenen Jugend sollten diese Positionen besetzen. Mit Ricco Cymer fand man einen gestanden Torhüter, der aber zuletzt in Saarbrücken fast gar nicht zum Zug kam. Mit Nikolai Rehnen wurde ein Talent ausgeliehen das man im Bitburger Pokalfinale 2019 bereits bewundern konnte, der mit starken Paraden und 31 Drittliga Partien eine gute Referenz vorzuweisen hatte. Doch für die Nummer 1 im Kasten sollte es noch nicht reichen, er kam ganz spät zur Mannschaft hinzu und das Trainergespann wird wohl am besten Wissen warum man sich so entschied wie man sich entschied. Im Training verletzte sich die Nummer 2 mit einem Meniskusschaden, es besteht wieder Handlungsbedarf.
 
Qualität schießt und verhindert Tore. Und Qualität kostet Geld. Geld das der SV Rödinghausen und dieses Jahr auch Rot Weiss Essen dank lokalem Großsponsor zur Verfügung haben. Gerade unser Rivale aus Essen hat mit dem Geld gut investiert, die komplette Mannschaft wurde runderneuert, ein Trainer von Format geholt, die Führungsetage adäquat besetzt. Das Ergebnis zeigt sich in der Tabelle. Auch knappe Spiele werden für sich entschieden, und das ist eben das was einen Favoriten auszeichnet in der Liga. Bislang ist noch kein Verein mit knappen Geldmitteln aufgestiegen. Während der SV Rödinghausen schon jahrelang immer eine gute Rolle spielt ist deren Problem noch die fehlende Infrastruktur für den letzten großen Schritt. Bei Rot Weiss Essen, die uns Alemannen in allen Belangen seit Jahren am ähnlichsten sind, ist nach Jahren der Regionalliga Zugehörigkeit der letzte große Schritt vielleicht in dieser Saison getan. Allerdings ist niemand bislang am sechsten Spieltag aufgestiegen, aber es würde arg wundern wenn die Rot Weissen bei dem Kader am Ende nicht ganz oben stehen würden. Aber man schaut besser auf sich statt auf andere. Fuat Kilic hat jahrelang bei unserer Alemannia aus ganz wenig ganz viel gemacht. Gerade in den Insolvenzphasen wurden Spieler zum Tivoli bewegt die für kleines Geld sich zeigen konnten in einem Bundesligastadion mitten in der Regionalliga. Und er hat durchaus einige Spieler herausgebracht und verbessert, die den Verein mangels Geld wieder verließen um anderswo ihre Karriere fortzusetzen. Er hatte schon mehrere Angebote die er bisweilen immer abgelehnt hat weil er hier etwas Aufbauen wollte. Zudem verkörpert er seid langem den Trainer und Manager in Personalunion. Wer außer ihn hat sonst noch einen großen Fußballsachverstand? Als er mal darüber nachdachte wegzugehen sorgten unter anderem die Fans mit dafür das er doch noch blieb. Zuletzt wurde er im Bonner Sportpark, nach dem Gewinn des Bitburger Pokal, auf Händen getragen. Zählt das alles nicht mehr?
 

 
Fußball ist ein Schnelllebiges Geschäft, das sich rein an Punkten, Toren und Tabellenplatz orientiert. Die Fans murren in den Social Medien zwar auf, die lokale Presse ist hingegen noch ruhig und geduldig. Ob ein neuer Trainer aus der Mannschaft etwas besseres machen kann? Ob ein neuer Trainer mit dem vorhandenen Geldmitteln bessere Spieler nach Aachen lotsen kann? Ob ein neuer Trainer ein besseres System spielen lässt wo auch die Stürmer treffen? Weiß man alles nicht, da es rein hypothetisch ist. Es käme ohnehin nur eine Interimslösung in Betracht, Christian Mollocher als Chefcoach und ein Aimen Demai als Co. Aber vielleicht warten wir die Saison einfach ab, die Mannschaft ist stark genug um zumindest einen guten Mittelfeldplatz im einstelligen Bereich zu erreichen. Und wer weiß was im Bitburger Pokal 2020 so geht? Das Geld aus dem DFB-Pokal wird im nächsten Etat auftauchen, vielleicht kann man dann Spieler mit besserer Qualität holen, und die Sponsoren dann überzeugen zu investieren wenn in der kommenden Saison der Meister direkt aufsteigt. Vielleicht ist das der Plan. Entscheidend ist aber ob wir alle diese Geduld aufbringen? Die Mannschaft steht auf dem Platz und muss liefern, sie muss sich an ihren eigenen Maßstäben messen lassen. Denn wenn Pässe über 5m nicht mehr funktionieren, man bei der Ballannahme einschläft und sich völlig planlos präsentiert, liegen die Gründe hier für woanders. Das sie es Können haben sie bewiesen, aber das Wollen gehört auch dazu.
 
 
 
 

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