Im Gespräch – André Winkhold (Alemannia 1997 – 2003)


 
 

Alemannia war für mich ein Erlebnis

 
 
Wenn man von früheren Alemannia Legenden spricht fallen einem spontan Michel Pfeiffer, Jupp Martinelli und Jo Montanes ein. Vielleicht weil sie einfach immer noch omnipräsent am Tivoli sind. Sie haben viel zu erzählen aus den guten alten Tagen, und verkörpern immer noch das was die Alemannia jahrelang ausmacht hat. Trotz dass sie lange aus dem Fußball Geschäft ausgestiegen sind, schauen die Fans immer noch zu ihnen hoch. Dabei gibt es noch eine ganze Reihe von Spielern die man ebenfalls als Legenden bezeichnen darf und muss, von denen man aber so gut wie nichts mehr hört.
 
Einer davon ist André Winkhold. Er spielte von 1997-1999 bei der Alemannia in der Regionalliga West/Südwest, wurde auf tragische Art und Weise 1999 kurzzeitig Interimstrainer und feierte mit der Mannschaft den lang ersehnten Aufstieg und die Rückkehr in die 2. Bundesliga.
In seiner Karriere kam er viel herum, aus dem beschaulichen Venwegen ging es über Brand nach Gladbach, Berlin und Düsseldorf und zurück in die Heimat nach Aachen. Er spielte in der Bundesliga und im Europacup, war an insgesamt drei Aufstiegen seiner jeweiligen Vereine beteiligt. In Aachen-Brand betrieb er von 1990 – 2008 ein Sportgeschäft, seit dem Jahr 2000 ist André Winkhold Mitglied der Weisweiler-Elf, einer Mannschaft ehemaliger Spieler von Borussia Mönchengladbach. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Aktuell ist er Trainer beim Landesligisten FC Inde-Hahn und nebenbei beruflich in der Versicherungsbranche tätig. Seine Fußball Karriere endete in Aachen mit dem Spiel gegen Eintracht Trier, wo er mit einer Knieverletzung ausschied.
 
 
 
Bevor es zum Interview geht noch ein paar Eckdaten aus seiner Karriere:
 
Name: André Winkhold
 
Geboren: 04.03.1962 in Aachen
 
Größe: 1,80m
 
Spiele: 55 Spiele für Alemannia Aachen in der Regionalliga West-Südwest, 1 Tor, davor insgesamt 185 Bundesligaspiele (Mönchengladbach, Hertha BSC und Düsseldorf), 69 Zweitligaspiele, 26 Spiele im DFB-Pokal und 12 Spiele im UEFA-Cup mit Borussia Mönchengladbach.
 
Karriereende: letztes Spiel am 05.04.1999 gegen Eintracht Trier (2:0), Knieverletzung
 
 
Vereine:
1968 – 1978 VfR Venwegen (Jugend)
 
1978 – 1982 Borussia Brand (Jugend)
 
1982 – 1985 Borussia Brand (Seniormannschaft)
 
1985 – 1990 Borussia Mönchengladbach
 
1990 – 1993 Hertha BSC Berlin
 
1994 – 1997 Fortuna Düsseldorf
 
1997 – 1999 Alemannia Aachen
 
1999 – 2002 Alemannia Aachen (Co-Trainer)
 
2002 – 2003 Alemannia Aachen II (Trainer)
 
2003 – 2004 Borussia Brand (Trainer)
 
2009 – 2010 KAS Eupen U17 (Trainer)
 
2011 – 2012 SV Baesweiler (Trainer)
 
2012 – 2015 Jugendsport Wenau (Trainer)
 
2015 – 2016 RFC Raeren (Trainer)
 
2017 – heute FC Inde-Hahn (Trainer)
 
 
 
 

Interview mit André Winkhold (Lizenzspieler Alemannia Aachen vom Juni 1997 – Juli 1999)

 
 

 
 
Wann und wo haben Sie angefangen mit dem Fußballspielen?
 
Das war 1968 beim VfR Venwegen.
 
 
Was haben Sie in Ihrer Jugendzeit alles dafür getan, um es später einmal in den Profifußball zu schaffen?
 
Ich habe nur Fußball gespielt. Wenn die Schule aus war ging es raus, man traf sich mit Freunden und es wurde Fußball gespielt bis es dunkel wurde. Und wenn man etwas gerne macht, wird man später auch darin Erfolg haben.
 
 
Wie kam der Kontakt zur Alemannia Zustande?
 
Nach meiner Zeit bei Fortuna Düsseldorf 1997 stand ich in Verhandlungen mit Germania Teveren. Dann rief mich Hans-Peter Lipka an (damals Alemannia Geschäftsführer), den ich noch von meiner Brander Zeit her kannte, und fragte ob ich mir vorstellen könnte zur Alemannia zu wechseln. Da habe ich natürlich nicht lange überlegt und unterschrieben.
 
Einige Jahre zuvor wäre ich fast schon einmal bei der Alemannia gelandet. Ich hatte meinen auslaufenden Vertrag bei Hertha BSC Berlin schon verlängert, aber meine Frau wolle das ich wieder zurück in die Heimat komme. Ich habe den Vertrag dann aufgelöst, und hatte einige Gespräche bei der Alemannia die sich leider dann zerschlagen haben. Bei meinem Urlaub an der belgischen Küste rief mich dann Alexander Ristic von Fortuna Düsseldorf an.
 
 
Auf welche Position haben Sie bei der Alemannia gespielt?
 
Ich konnte in der Defensive alle Positionen spielen, bei Alemannia aber vorwiegend rechts außen. In meiner Zeit bei Borussia Mönchengladbach habe ich als junger Spieler immer auf die Position gespielt die gerade durch Verletzungen von Nationalspielern frei wurde. So konnte ich mal links, mal rechts, vor der Abwehr spielen. Das kam mir im Nachhinein zu Gute.
 
 
Alemannia war ja schon früher bekannt für kleine Skandale und heißt nicht umsonst „Klömpchensklub“. Warum wechselt man nach den Bundesligazeiten mit Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC Berlin und Fortuna Düsseldorf dennoch dorthin?
 
Nach meiner Verletzung in Düsseldorf wollte ich wieder zurück in die Heimat, auch weil man im Alter nicht mehr die Fitness hat für die Anforderungen an die 1. Bundesliga. Und Alemannia war immer noch eine gute Adresse, auch wenn sie nun in den Niederungen des Amateurfußballs spielten. Trainer Werner Fuchs wollte eine Mannschaft aufbauen die mit jungen und erfahrenen Spielern gespickt waren.
 
 
Dort trafen sie auf Trainer Werner Fuchs. Welche Art Trainer war er?
 
Er war für die Alemannia der passende Trainer. Er hat Alemannia vorgelebt, konnte junge Spieler weiterbringen. Zudem kannte er das Umfeld. Der richtige Mann am richtigen Ort.
 
 
Nach Trainergrößen wie Jupp Heynckes (Borussia Mönchengladbach), Pál Csernai (Hertha BSC Berlin) und Alexander Ristic (Fortuna Düsseldorf), was konnte Werner Fuchs ihnen noch beibringen?
 
In der Jugend bringt einen ein Trainer weiter, nachher im Alter nicht mehr so. Jupp Heynckes war damals noch jung und hat anders trainiert wie später bei Bayern München. Pal Csernai und Alexander Ristic haben mich taktisch geformt, das war die jugoslawische Schule die zum Erfolg führte. Werner Fuchs hatte einen anderen Stil, Kampf und die Verknüpfung von jungen und erfahrenen Spielern die es damals so nicht gab bei anderen Vereinen.
 
 
Von welchem Trainer haben Sie am meisten profitiert in Ihrer Karriere?
 
In der Jugend bei Borussia Brand von Hans Lipka. Der war ein harter Hund und hat einen von der Jugend bis zum Seniorbereich geformt. Nachher haben sicherlich Jupp Heynckes, Pál Csernai und Alexander Ristic ihren Anteil daran gehabt das ich taktisch ausgebildet war.
 
 
Welche Erwartungen hat Werner Fuchs in Ihnen gesetzt?
 
Er setzte bei älteren Spielern voraus das die die jungen Spieler führen, Ruhe reinbringen, wenn es hektisch wird. Er wollte sich auf die erfahrenen Spieler verlassen können. Spieler die höherklassig gespielt haben sollten es den jungen Spielern zeigen wie es geht und mitreißen.
 
 
Haben sie damals nach ihrem Wechsel zum Tivoli daran geglaubt das die Rückkehr in die 2. Bundeliga gelingt?
 
Ein klares ja. Ich bin zur Alemannia gekommen um aufzusteigen und dann meine Karriere zu beenden. Was Werner Fuchs zusammengestellt hat mit der Mannschaft war schon Klasse, die Spieler kamen fast alle aus dem Umfeld und es passte einfach alles.
 
 
Nach dem entscheidenden Heimsieg gegen Preußen Münster (1:0) am 07. Mai 1999 standen die Zeichen auf Aufstieg. Eine ganze Region stand Kopf. Dann kam der 11. Mai. 1999, ein lockerer Waldlauf im Paulinenwäldchen endete in einer Tragödie…
 
An dem Tag sind wir wie immer Laufen gegangen. Ich habe davon zunächst nichts mitbekommen, weil ich an vorderster Front gelaufen bin. Am Ziel bin ich dann noch weiter den Berg hoch ausgelaufen als man dann natürlich von den hinteren Läufern mitbekam was passiert ist.
 
Im Nachhinein sucht man immer Anzeichen was vorher war. Hat er hier erschöpft gewirkt, war er dort zu blass? Werner Fuchs hatte vor einem halben Jahr das Rauchen aufgegeben, er wollte unbedingt aufsteigen und hat diesem Ziel alles untergeordnet. Aber der Druck von außen war enorm hoch, nach der mäßigen Hinrunde waren die Leute unzufrieden was ihm ärgerte. Als die entscheidenden Spiele gewonnen wurde fiel eine ungeheurere Last von ihm ab.
 
 
Wie sind sie selbst persönlich mit der Situation umgegangen in den Tagen danach?
 
Als älterer Spieler hat man schon einiges erlebt was nicht so schön war, und mein Motto war das es immer weiter gehen musste. Es war ein großer Verlust und Trauer aber es musste nun weitergehen. Die jungen Spieler haben sich abends getroffen um zusammen zu sein. Die älteren Spieler und ich, als Interimstrainer, haben dann später geschaut was für Werner Fuchs wichtig gewesen wäre. So sind wir die letzten Spiele auch angegangen.
 
 
Am 15.Mai 1999 gab es das entscheidende Spiel bei der SpVgg Erkenschick, wo Alemannia den Aufstieg mit einem 2:0 Sieg besiegelte. Wenn Sie an das Spiel denken, dann…?
 
Es fiel uns allen eine große Last ab. Wir wollten unbedingt gewinnen und aufsteigen. Der Druck war schon extrem hoch vor dem Spiel.
 
 
Die Zeit als Co-Trainer in der 2. Bundesliga war für mich…?
 
Im Nachhinein betrachtet hat es mir nicht wirklich was gebracht. Was sollte mir ein Eugen Hach beibringen? Mit Werner Fuchs war es vorher so abgesprochen das es mir sofort zusagte, aber die Umstände ließen diesen Plan dann nicht Wirklichkeit werden. Sportdirektor Jörg Schmadtke machte mir dann ein Angebot als Trainer der zweiten Mannschaft und der Jugend zu arbeiten, das nahm ich dann an.
 
 
Welche Niederlage war die schmerzhafteste mit der Alemannia?
 
Das „scheiß“ Ausscheiden im DFB-Pokal gegen Waldhof Mannheim (DFB-Pokal Achtelfinale am 03.12.1997). Wenn man so einen riesen Aufwand betreibt im Spiel wie wir, und man dann so ausscheidet wegen einer Schiedsrichter Entscheidung, dann ist das sehr bitter.
 
Hintergrund: Mario Krohm verwandelte in der 99. Minute einen Elfmeter zum 2:1. Dieser wurde jedoch aberkannt, weil aus dem Waldhof Fanblock ein zweiter Ball ins Spiel geworfen wurde. Schiedsrichter Markus Merk gab daraufhin den Treffer nicht und entschied statt Wiederholung des Elfmeters auf Schiedsrichterball. Alemannia verlor später das Achtelfinalspiel im Elfmeterschießen mit 5:6 und schied aus dem DFB-Pokal aus.
 
 
Was macht ein Fußball Profi eigentlich zwischen den Trainingseinheiten (wenn er kein offizielles Training hat)? Haben Sie damals auch mal ein Extratraining (also außerhalb des Mannschaftstrainings) durchgeführt?
 
Nach meiner Zeit bei Fortuna Düsseldorf, wo ich verletzt war, wollte ich unbedingt durchstarten in Aachen. Deshalb habe ich in der gesamten Sommerpause trainiert um für die Alemannia fit zu sein, da die Leute natürlich gucken und kritisch sind „der will hier ja nur die Kohle abgreifen“. Dem wollte ich damit entgegentreten.
 
 
Sie selbst trainieren ja momentan den Landesligisten FC Inde-Hahn. Geht man, bzw. muss man mit den Spielern heute anders umgehen als zu ihrer damaligen Zeit?
 
Ja total. Man muss die heutigen jungen Spieler auch in Schutz nehmen. Sie studieren heute neben dem Fußball, machen ein Auslandssemester oder gehen einer Arbeit nach. Das sind ganz andere Belastungen als früher zu meiner Zeit.
 
 
Was würden Sie einem jungen Fußballer raten der heute zur Alemannia wechseln würde?
 
Das ist schwer zu sagen, weil Fußball und Job zu verknüpfen schwierig ist. Alemannia hat andere Trainingszeiten die es schwer machen, wenn junge Spieler nebenher noch studieren oder eine Ausbildung nachgehen. Da können sie sich auch in VfL 08 Vichttal oder beim SV Breinig weiterentwickeln.
 
 
War der Fußball früher besser als der heutige?
 
Nein. In der Bundesliga sind alle Spieler Top ausgebildet und athletisch im oberen Level. Im Amateurbereich wird der Fußball allerdings immer schlechter. Die damaligen Amateurmannschaften (die Oberliga war damals direkt unter der 2. Liga) waren besser als viele Mannschaften der heutigen 4. Liga.
 
 
In wie weit interessieren Sie sich heute noch für die Alemannia?
 
Ich interessiere mich immer noch für die Alemannia, trotz meiner Bundesligazeiten bei Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf. Ich würde mich freuen, wenn es Alemannia wieder in die 2. Liga oder Bundesliga schaffen würde. Es ist unheimlich schade für die Leute hier im Umfeld das Alemannia so weit unten ist. Ich erlebe das in meinen täglichen Gesprächen mit Kunden, da vergeht kein Tag wo man nicht über die Alemannia spricht. Als ich damals nach Aachen kam wollten viele nicht mal einen Alemannia Aufkleber auf ihrem Auto haben, erst nach dem Aufstieg.
 
 
Treffen Sie noch heute ehemalige Mitspieler?
 
Eher wenig. Ab und zu treffe ich noch Christian Schmidt und Mario Krohm. Aber ich freue mich immer, wenn ich jemanden aus der damaligen Mannschaft treffe.
 
 

Da müsste ein Scheich vom Himmel fallen

 
 
Wird die Alemannia auf absehbarer Zeit wieder in den Profifußball zurückkehren können? Welche Voraussetzungen müssten geschaffen sein?
 
Da müsste sprichwörtlich der Scheich vom Himmel fallen. Ohne Geld kommst du da unten nicht raus, das sieht man ja. Der KFC Uerdingen hat es vorgemacht, man muss Spieler verpflichten die schon zwei Ligen höher gespielt haben.
Es müsste aber jemand der kommen der so viel Geld hat das er zur Verfügung stellt und nicht hinterfragt was damit passiert. Er muss die Leute machen lassen die das Geld dann in Spieler investieren die den Verein nach vorne bringen.
 
Hat sich Alemannia noch einmal bei Ihnen gemeldet? (Geburtstag, Jubiläum etc.)
 
Nein. Aber ich bin da auch nicht böse drum, Alemannia hat wirklich andere Sorgen und Probleme zu bewältigen. Sie kann ja auch nicht jeden Spieler der mal da war nachkommen. In Gladbach und Düsseldorf bekomme ich Karten hinterlegt, wenn ich mal ein Spiel gucken will oder es lädt mich jemand ein.
 
 
Was würde ich noch einmal gerne lesen von der Alemannia?
 
Das sie aufgestiegen sind und einen Top Investor haben.
 
 
Spiele auf dem alten Tivoli war für mich…?
 
Ein absolutes Highlight. Die Leute waren verrückt, es war immer eine besondere Stimmung bei den Spielen.
 
 
Der neue Tivoli ist für mich…?
 
Ein schönes Stadion für den bezahlten Fußball.
 
 
Was würde ich heute anders machen, wenn ich die Uhr noch einmal zurückdrehen könnte?
 
Nichts. Es ist alles so gelaufen wie ich es mir vorgestellt habe.
 
 
Was wäre aus André Winkhold geworden, wenn er nicht Fußballer geworden wäre?
 
Eine sehr gute Frage. Ich überlege heute noch was aus mir geworden wäre. Trotz kaufmännischer Ausbildung war Fußball immer meine Priorität.
 
 
 
Hiermit bedanke ich mich ganz herzlich für das spannende Interview und wünsche Ihnen weiterhin Glück und Gesundheit.
 
 
 

 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

Das könnte dich vielleicht auch interessieren:

Schreibe einen Kommentar

sechs + 16 =