Im Gespräch: André Krul – Torwart und Weltenbummler


 
 
So etwas erlebt die Alemannia nicht alle Tage in ihrer jüngeren Geschichte. Ein Weltenbummler macht Halt in Aachen. Durch eine Verletzung von Nikolai Rehnen fanden Alemannia und André Krul Ende September 2019 zusammen, wenn auch nur zeitlich begrenzt. Aufgrund der schweren Verletzung im Training von Torwart Nikolai Rehnen musste die Alemannia schnell handeln. Gesucht wurde ein erfahrener Torwart der mit seiner Persönlichkeit direkt weiterhilft. Das traf auf André Krul zu, denn sein sportlicher Werdegang erstreckt sich über die halbe Weltkugel. Ob in Europa, Südamerika, Australien oder Japan, in all diesen Ländern war er für verschiedene Vereine in seiner Karriere unterwegs. Zuletzt war er wieder heimat nah bei Ajax Amsterdam II beschäftigt. Der Mann mit der markanten Stimme passte direkt zur Alemannia, da brauchte es keinen großen Anlauf.
 
Neben seinem Sport ist er auch im sozialen Umfeld tätig. Nicht immer muss eine Kamera oder die Medien dabei sein wenn er nebenher etwas macht, wie zum Beispiel diverse Torwart Trainingseinheiten für Kinder. Mit seiner Erfahrung und reichlichen Tipps können nicht nur die Kids von ihm profitieren. Auch als Mensch hinterlässt der sympathische „Holländer“ immer einen guten Eindruck. Aus eigener Erfahrung weiß ich zu berichten das unser erstes Aufeinandertreffen für mich direkt einprägsam war. Mein Neffe aus Oldenburg war bei mir zu Gast und der wollte zum Alemannia Training. Als wir ankamen war das Training allerdings gerade vorbei, da es um eine Stunde vorgezogen wurde. Mein Neffe war natürlich traurig und wir trafen auf André. Als er das hörte meinte er das es sehr unglücklich war, dass das Training vorgezogen und nicht kommuniziert wurde. Damit mein Neffe aber nicht umsonst gekommen war schenke er ihm seine Torwarthandschuhe, die er extra noch aus der Kabine holen ging. Man kann sich die leuchtenden Augen meines Neffen vorstellen! Zuletzt veranstaltete André ein privates Torwarttraining für 45 Kinder mit Unterstützung der Alemannia auf dem Trainingsplatz Alkmaar, hoch oben auf dem Parkhausdach. Keine Frage, auch das kam mehr als gut an. Ende Januar 2020 endete sein Vertrag bei der Alemannia verabredungsgemäß, und ehe er wieder weg ist musste ich ihn mir einfach schnappen zum Interview. Wer genau ist André Krul eigentlich?
 
Bevor es zum Interview geht noch ein paar Eckdaten aus seiner umfangreichen Karriere:
 
Name: André Krul
Geboren:08.05.1987 in Grootschermer
Größe: 186cm
 
Vereine:
1993 – 2008 GSV Grootschermer
2008 – 2012 FC Utrecht
2009 – 2010 Telstar (Leihe)
2010 – 2011 Sparta Rotterdam (Leihe)
2011 – 2012 AGOVV Apeldoorn (Leihe)
2012 – FC Valletta
2012 – 2014 Boyaca Chico
2014 – FC Groningen II
2015 – KV Turnhout
2015 – Bayamon FC
2015 –  2016 SC Cambuur / SC Cambuur II
2016 – 2017 Iwaki FC
2017 – SV Spakenburg
2018 – 2019 Ajax Amsterdam II
2019 – 2020 Alemannia Aachen
 
 

Interview mit André Krul
(Torwart Alemannia Aachen vom September 2019 – Januar 2020)

 
 

 
 

Ich war zwar kurz hier, habe mich aber sehr wohl gefühlt in der Mannschaft.

 
 
 
Wann und wo hast Du angefangen mit dem Fußballspielen?
 
Mit sechs Jahren habe ich beim GSV Grootschermer (Gemeine Alkmaar) angefangen, und hatte eigentlich gar keine Lust auf Fußballspielen. Mein Vater war dort ehrenamtlich beschäftigt und hat mich quasi „gedrängt“ dort zu trainieren. Und nach dem ersten Training war ich Feuer und Flamme für Fußball.
 
 
Was hast du deiner Jugendzeit alles dafür getan, um es später einmal in den Profifußball zu schaffen?
 
Ich habe immer trainiert. Nach der Schule entweder mit Freunden oder auch für mich allein. Dabei war es egal ob es gutes oder schlechtes Wetter war. Wenn die Freunde gesagt haben „Nee heute nicht, das Wetter ist zu schlecht“, dann habe ich eben allein trainiert. Ich war immer draußen. Ich hatte da eine Art Trampolin, das ich benutzt habe um den Ball dagegen zu schießen oder den Ball darauf zu werfen, so das er immer zurückkam. Als ich 12 Jahre alt war habe ich schon bei der ersten Mannschaft des GSV Grootschermer mittrainiert.
 
 
Wann fiel die Entscheidung „ich werde Torwart“?
 
Ich habe zu Anfang als Feldspieler gespielt und ab und zu als Torwart. Bei einem Torwartturnier in Nordholland, in der Nähe von Amsterdam, habe ich mich angemeldet und zweimal gewonnen. Ich wurde dort als bester Torwart ausgezeichnet. Da habe ich für mich überlegt bzw. das Gefühl gehabt das ich als Torwart die besseren Chancen habe Profi zu werden.
 
 
Was macht ein Fußball Profi / Torwart eigentlich zwischen den Trainingseinheiten (Also, wenn er kein offizielles Training hat)?
 
Wenn du Torwart bist gibt es immer einen geregelten Ablauf, der natürlich abhängig von der Ligazugehörigkeit ist. Man trainiert, ruht sich aus, geht Mittagessen, trainiert wieder und abends geht es noch ins Fitnessstudio. Es bleibt nicht viel Zeit zwischendurch. Wenn ich Zeit habe lese ich viel und gerne über andere Sportarten, mache etwas Yoga, um einfach runterzufahren. Nebenbei bin ich übrigens auch noch Journalist und schreibe im Jahr einige  kleinere Artikel für eine Trainerzeitschrift in den Niederlanden.
 
 
Welcher Trainer hat dich geprägt bzw. von wem hast du am meisten profitiert?
 
Da gab es einige. Aber geprägt hat mich Maarten Arts vom FC Utrecht. Mit dem habe ich fast vier Jahre zusammengearbeitet. Er war sehr streng, aber er sah noch so jeden kleinen Fehler im Training und hat mich dadurch zu besseren Leistungen getrieben.
 
 
Welches Spiel ist in besonderer Erinnerung geblieben und warum?
 
Oh, da fällt mir ein Spiel besonders ein das ich gerne erzähle. Beim Spiel Sparta Rotterdam – FC Dordrecht führten wir 2:1, der Gegner hatte zwischenzeitlich zwei rote Karten bekommen. Wir hatten jede Menge Chancen das Spiel zu entscheiden und waren nahe am 3:1 dran. Dann kamen die letzten Minuten und ein Schuss auf mein Tor. Ich ließ den Ball durch die Hände rutschen zum 2:2. Da ich in den vorherigen Spielen schon öfters einige Fehler gemacht habe, die auch zu Toren führten, wurde mir mitgeteilt das der Verein einen anderen Torhüter verpflichten würde.
 
Sie holten dann Oscar Moens, mein Idol, nach Rotterdam! Das war für mich phantastisch, mit meinem Idol zu trainieren. Oscar Moens war auch Torwart der niederländischen Nationalmannschaft, auch wenn er nur ein paar Spiele absolviert hat. Das Training mit ihm zusammen war gut für mich. Ich hatte dann das Glück, das ich nochmal in einem Spiel eingesetzt wurde, weil Oscar Moens ausfiel. Zuvor hatte der Trainer überlegt ob er mich oder einen Jugendtorwart ins Tor stellt. Und so stand ich im Tor gegen den Fußballclub Telstar, wir führten bis kurz vor Schluss 1:0. Dann gab es einen Elfmeter für Telstar, und ich parierte den Ball und wir siegten 1:0. Alle waren froh, auch mein Trainer. Daran sieht man wie es so gehen kann im Sport. Heute bist du ein Looser und Morgen der Held.
 
 
Worin unterscheidet sich der Fußball von Europa, Asien, Australien und Südamerika?
 
Ich habe in so vielen unterschiedlichen Ligen gespielt mit unterschiedlichem fußballerischem Niveau, deshalb ist das schwierig zu sagen. In Kolumbien ist der Fußball aus meiner Sicht etwas langsamer, aber dafür technisch versierter, so wie in ganz Südamerika. In Australien zum Beispiel ist das fußballerische Niveau zwar nicht hoch, aber es wird gekämpft und gerackert bis zum Schluss. Aber natürlich ist das kein Vergleich zu Europa wo viel Wert auf Disziplin gelegt wird.
 
 
Wieso hielt es André Krul nie lange bei einem Verein aus?
 
Für Außenstehende hat es natürlich den Eindruck das ich als Torwart nicht gut genug war um länger als ein Jahr bei einem Verein zu bleiben, was ich aber durchaus wollte. Aber für mich wollte ich durch die vielen Vereine Lebenserfahrung sammeln. So war es für mich eine tolle Erfahrung nicht nur die Länder, sondern auch die Menschen kennenzulernen, aber nicht mit dem Ziel um dort längerfristig zu bleiben. So habe ich meistens immer nur Verträge für ein Jahr unterschrieben.
 
Aber es kamen auch anderen Faktoren dazu. Als ich ein Angebot von Ajax Amsterdam bekam musste ich nicht lange überlegen und das Annehmen. Auch wenn ich wusste das ich keine Aussicht hatte zu spielen und im Tor zu stehen. Aber sie suchten einen Torwart mit Erfahrung der für ein Jahr aushelfen konnte. Die Trainingsbedingungen in Amsterdam waren auf Top Niveau, allerdings wollte ich natürlich auch doch wieder ein Spiel bestreiten und im Tor stehen. So guckte ich mich um nach einem anderen Verein. Leider verletzte ich mich im Training am Ellenbogen so dass ich keine Angebote annehmen konnte. Als das Alemannia Angebot kam wusste ich auch das es nur begrenzt war und nahm es trotzdem an. Und so ging es mit allen Vereinen aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber es war für mich jedes Mal wertvoll diese Erfahrungen zu machen.
 
 
Triffst du noch heute alte Weggefährte?
 
Es ist schwer den Kontakt zu ehemaligen Mitspielern oder Trainer zu halten, natürlich trifft man den ein oder anderen Mal immer wieder. Aber da ich immer unterwegs bin ich das sehr schwer. Ich habe Freunde außerhalb vom Fußball die ich immer mal treffe bzw. Kontakt zu habe. Ich benutze deshalb auch sehr gerne die Social Medien, um mit ihnen Kontakt zu haben wenn ich unterwegs bin in der Welt.
 
 
Wäre ich nicht Torwart geworden, dann wäre ich heute…?
 
Ich war so von mir überzeugt das ich Fußballprofi werde das ich mir darüber gar keine Gedanken gemacht habe.
 
 
Wie kam der Kontakt zur Alemannia zustande?
 
Über meinen Berater kam der Kontakt zu Hans Spillmann (Torwarttrainer Alemannia Aachen) zustande. Die Alemannia suchte dringend einen Torwart aufgrund der Verletzung von Nikolai Rehnen. Ich wurde zum Probetraining eingeladen und direkt nach dem zweiten Training war klar dass ich unterschreiben würde, wenn auch nur für vier Monate (bis Nikolai Rehnen wieder fit ist).
 
 
Was hat der Trainer von dir erwartet?
 
Fuat Kilic hat direkt gesagt das ich mit meiner Art und meiner Erfahrung eine Bereicherung für die anderen Spieler bin und diese weitergeben soll. Natürlich konnte er mir keine Garantie auf die Nummer eins im Tor geben. Fuat Kilic und andere wollten das ich über die vier Monate hinaus bleibe bis Saisonende und gerne noch darüber hinaus im Jugendbereich. Aber die Entscheidung lag nicht in seinen Händen und scheiterte letztendlich am fehlenden Budget.
 
 
Wie stellt man sich seiner neuen Mannschaft vor?
 
Durch mein Probetraining habe ich natürlich die Spieler etwas kennengelernt und mich vorwiegend mit ihnen auf Englisch unterhalten, da mein deutsch nicht so gut war. Nach dem Training spricht man natürlich untereinander wo man her kommt, was man bisher gemacht hat und lernt sich nach und nach kennen.
 
 
Der neue Tivoli ist für mich…
 
…kalt und nicht gemütlich. Es ist zwar schön mit dem gelben Dach und die Stimmung im Tivoli mag ich. Generell sehen die modernen Stadien wie man sie heute kennt alle gleich aus. Ich mag mehr die alten Stadien mit ihrer Romantik.
 
 
Der alte Tivoli war…
 
Ich wollte unbedingt noch ein Spiel im alten Tivoli sehen, doch meine Zeit beim FC Utrecht mit den ganzen Spielen ließ das nicht zu. Aus früheren Zeiten kannte ich Erwin Koen und wusste das er bei der Alemannia spielt. So habe ich über ihn Jörg Laufenberg kennengelernt, der mir den alten Tivoli noch mal gezeigt hat bevor es abgerissen wurde. Da ich diese alten Stadien sehr liebe war ich froh das ich den alten Tivoli nochmal gesehen habe mit einer kleinen persönlichen Führung. (André lachte auf) Witzig ist das ich Jörg Laufenberg 10 Jahre später hier im neuen Tivoli wieder getroffen habe. Das sind schöne Erinnerungen. In Holland ist der alte Tivoli auch immer noch ein Begriff.
 
 
Wird die Alemannia wieder in dem Profifußball zurückkehren?
 
Ja, schwierig. Ohne Geld wird das ein sehr langer Weg sein. Es müssen alle an einem Strang ziehen. Wenn es jemand geben würde wie Frans von Seumeren vom FC Utrecht, der Fan und Direktor ist, dann wäre es einfacher. Er gibt Geld und will das der Verein auch ohne ihn überleben kann. Das wichtigste ist aber das es Leute mit Herzblut gibt die den Verein nach vorne bringen wollen.
 
 
Was bleibt dir in Erinnerung in der kurzen Zeit bei der Alemannia?
 
Meine zwei Spiele gegen Bergisch Gladbach und Raspo Brand im Bitburger Pokal. Ich war zwar kurz hier, habe mich aber sehr wohl gefühlt in der Mannschaft.
 
 
Wenn ich nochmal das Angebot bekommen würde zurück zu kommen, würde ich…?
 
…schwer zu sagen. Aber möglich ist alles 😊
 
 
Bist du zufrieden mit dem Erlös aus dem Nachwuchs-Torwarttraining der für die Kängurus und Koalas zusammengekommen ist?
 
Ja bin ich. Es kamen 1.200 Euro zusammen, das war sehr gut. Jeder Euro ist gut für diese Sache die mir am Herzen liegt.
 
 
Du machst viel in Sachen soziales Engagement. Wie kam es dazu?
 
Als ich 20 Jahre alt war ich in Äthiopien und habe gesehen das es nicht alle so gut haben wie wir hier in Europa. Ich bin damals mit einem erfolgreichen Geschäftsmann dort gewesen der sich entschieden hat mit seinem Geld die Leute vor Ort zu unterstützen. Dieses Engagement gefiel mir so gut, dass es mich inspirierte das ich mich auch sozial engagieren wollte. Ich bin aber auch so erzogen und aufgewachsen das man anderen hilft. Zugute kam mir aber auch die Lebenserfahrung, die ich durch meine vielen Vereine in den ganzen Ländern machen konnte und gesehen habe das es nicht nur schöne Seiten gibt sondern auch viel Leid. Da wird einem erst bewusst wie gut es uns hier geht und es wird einem klar dass man was tun muss. Ich habe Glück gehabt das ich Profi geworden bin, deshalb will ich einen Teil durch diese Engagements zurückgeben.
 
 
Was macht André Krul nach dem Kapitel Alemannia?
 
Ich werde nach Brasilien gehen, um einen neuen Verein zu suchen. Jetzt fragst du bestimmt warum ausgerechnet nach Brasilien? Ich war vor 15 Jahren schon mal dort, und durch den Kontakt mit einem guten Freund von mir der in Brasilien aufgewachsen ist, habe ich eine besondere Beziehung zu Brasilien. Da ich etwas portugiesisch spreche und Brasilien ein schönes Land ist will ich dort meine Karriere fortsetzen. Durch meine vielen Kontakte glaube ich das ich dort gute Chancen habe.
 

Vielen Dank André Krul für das spannende Interview und tiefe Einblicke deiner Karriere. Ich wünsche dir alles Gute bei deiner weiteren Karriere die ich natürlich weiter verfolgen werde. 

 
 
Das gesamte Interview ging insgesamt über vier Stunden, und ich hätte André noch weitere vier Stunden zuhören können wenn der Abend nicht so weit fortgeschritten wäre. Er hatte ja auch aufgrund seiner imposanten Karriere rund um die Erdkugel auch eine ganze Menge zu erzählen. Dies hätte allerdings den Rahmen des Interviews gesprengt, so das ich mir im Nachhinein gedacht habe das ein Video-Interview vielleicht besser gewesen wäre. Es ist unfassbar schade das man mit André Krul nicht nur einen Torwart sondern auch einen ganz sympathischen Sportler mit Herzblut verliert. So jemand hätte unserer Alemannia ganz gut zu Gesicht gestanden, aber am Ende war es das fehlende Budget das eine Weiterbeschäftigung verhinderte. Denn behalten hätte man ihn schon ganz gerne. Ich werde weiterhin ein Auge auf André halten und seine Karriere verfolgen. Nach seinem Vertragsende im Januar 2020 trainierte er weiterhin mit der Mannschaft bis Ende Februar 2020. Dann bricht er hier am Tivoli endgültig seine Zelte ab und macht den nächsten Schritt in seiner Karriere im fernen Brasilien. Aber wer weiß, vielleicht kreuzen sich die Wege irgendwann doch noch einmal. André wird jedenfalls ein Spieler sein den man gerne in Erinnerung behält.
 
 

 
 

 
 

 
 
 
 

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