History

 
 
Die Alemannia hat seit ihrer Gründung im Jahre 1900 viele bewegende Momente erlebt, über Aufstiege, Pokalfinale und Vizemeisterschaft bis hin zu den Abstiegen in die tiefste Niederungen in den Amateurfußball. Selbst zwei Insolvenzen musste man durchstehen und befindet sich aktuell wieder im Status der Konsolidierung in der Regionalliga West. Aber neben diesen sportlichen Triumphe und Tragödien hatte die Alemannia auch ein dunkles Kapitel in ihrer Vereinsgeschichte – die NS-Zeit zwischen 1933 – 1945.
 
Unsere Alemannia ließ ihrer eigene Vergangenheit aufarbeiten, mit Hilfe der Interessengemeinschaft der Alemannia-Fans und Fanclubs, ihren eigenen Archivar und durch die Historiker René Rohrkamp und Ingo Deloie. Die Ergebnisse und Erkenntnisse hieraus mündeten am 28. Oktober 2018 in eine Ausstellung “Alemannia 1933-1945 – Fußball zwischen Sport und Politik” im Internationalen Zeitungsmuseum Aachen,  die anhand der Lebenswege zweier Fußballspieler (Max Salomon und Reinhold Münzenberg) skizzierte wie sich die die nationalsozialistische Politik auf das Vereinsleben auswirkte.
 

Diese Seite erinnert nicht nur an die Ausstellung, sondern auch die verlegten Stolpersteine in Aachen und der Städteregion sowie an dem Gedenkstein im Aachener Waldfriedhof.
 
 
 

Stolpersteine in Aachen

 
Der Kölner Künstler Gunter Demnig entwickelte 1993 das Projekt „Stolpersteine“, welches an die Opfer der NS-Zeit erinnert. Seit 2000 werden die „Stolpersteine“ am Ort des letzten freiwillig gewählten Wohnsitzes in den Bürgersteig eingefügt. Die Steine haben eine quadratische Form, ähnlich eines Kopfsteinpflastersteines. Auf den Steinen steht: „HIER WOHNTE“; Vorname, Name (ggf. der Geburtsname); Geburtsdatum; Deportationsdatum und –ort ; sowie Angaben zum Schicksal der Person. Jeder Stein wird von Gunter Demnig persönlich verlegt. Stolpern kann man nicht über die Steine, aber um die Inschriften zu lesen muss man sich verbeugen – und ehrt somit die Opfer. Mittlerweile gibt es über 300 solcher Steine, nicht nur in Deutschland, auch in Österreich, Ungarn und den Niederlanden. In Aachen wurde der erste Stolperstein 2008 in der Moltkestraße 15 verlegt, für das erst fünfjährige behinderte Mädchen Elly Ortmanns die Opfer des Euthanasie-Erlasses wurde.

 

Erster Stolperstein 2008 in Aachen für Elly Ortmanns in der Moltkestraße 15

 

Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist

Künstler Gunter Demnig

 

Anfragen zu den Stolpersteinen oder Vorschläge für mögliche neue Stolpersteine werden durch die Volkshochschule geprüft und dann dem Aachener Stadtrat zur Genehmigung vorgelegt. Die bisher in unserer Stadt verlegten 32 Stolpersteine wurden u. a. durch Privatpersonen, Vereine und verschiedene Aachener Schulen initiiert. Als Kriterium gilt das der Ort und die Schicksale der Opfer überprüft und belegt sein müssen, die Stolpersteine sollen nicht an Orten installiert werden an denen eine Gedenktafel der “Wege” vorgesehen bzw. angebracht ist und die Anträge auf Stolpersteine sollen an die Volkshochschule Aachen geleitet und dort bearbeitet werden. Ein Stolperstein kann letztendlich aber nur gelegt werden wenn eventuell noch lebende Angehörige damit einverstanden sind.
 
Auch für Alemannia Aachen hatte die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 sehr schnell Auswirkungen auf den Sport. Zur Gleichschaltung wurden „linientreue“ Vereinsführer in allen Sportvereinen installiert. Der von Politik und Reichssportführer von Tschammer vorgegebene Kurs wurde durch „Vereinsführer“ Dr. Peter Müller , der als NSDAP Mitglied im Stadtrat saß, vorangetrieben. Nachdem bereits Stürmer Max Salomon im April 1933 den Verein verlassen hatte, tauchten in der Ausgabe Mai/September 1933 der Vereinszeitung die Namen weiterer jüdischer Mitglieder unter „Abmeldungen“ und „Streichungen“ auf, unter anderem die später im Konzentrationslager ermordeten Robert Salomon, Dagobert Pintus und Josef Keusch.
 
Auf Initiative der Interessengemeinschaft der Alemannia Fans und Fan Club e.V wurde am 07.11.2018 der Antrag gestellt, sechs Stolpersteine für jüdische Alemannia Spieler und Mitglieder durch den Kölner Künstler Gunter Demnig verlegen zu lassen an dessen zuletzt bekannten Wohnort.
 

  • Erich Daniel André, Thomashofstraße 17
  • Fritz Moses, Jülicher Straße 80
  • Max Salomon, Thomashofstraße 15
  • Robert Salomon, Bismarckstraße 92
  • Hans Max Silberberg, Aretzstraße 7 (damals Friedenstraße)
  • Eduard Levy, (verschoben, da letzter Wohnort ungeklärt ist)

 
Der Rat der Stadt Aachen stimmte diesen Antrag in ihrer Ratssitzung am 12.12.2018 zu. Die Verlegung der Stolpersteine erfolgte am 06.02.2019, ebenfalls wurden an diesem Tag zwei weitere Stolpersteine verlegt für Arthur May, Muffeter Weg 57 in Aachen und Siegfried Randerath, Großer Niersteiner Hof, Laurensberger Straße 20 in Aachen. Leider musste die angekündigte Verlegung des Stolpersteines für Eduard Levy erstmal verschoben werden, da der letzte Wohnort umstritten ist.
 
 

Stolperstein Erich Daniel André:
Erich Daniel André (Geb. 27.07.1904), war ein jüdischer Bankkaufmann, Gründungsmitglied der Alemannia Jugendabteilung und langjähriges Mitglied. Später war er Betreuer der ersten Fußballmannschaft und Mitglied des Fußballausschusses. Im Bericht des Ausschusses über die Spielzeit 1932/1933 hieß es: “Es fanden 47 Sitzungen statt, von welchen Erich Daniel André 41, das heißt ausnahmslos alle bis zu seinem durch die heutige Lage bedingten Fernbleiben besuchte”. Der Versuch, nach England zu emigrieren, scheiterte, obwohl er bereits über die Ausreiseerlaubnis verfügte. Nach einer Flucht zu Fuß nach Antwerpen wurde er verhaftet und am 04.11.1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er am 04.12.1942 ermordet wurde.

 

 

Thomashofstraße 17, Aachen

 
 
Stolperstein Fritz Moses:
Von Fritz Moses (Geb. 10.05.1901) ist lediglich bekannt, dass er Mitglied bei Alemannia Aachen war und 1933 aus dem Verein ausgeschlossen wurde. Er floh in die Niederlande, wurde aber nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen am 4. September 1944 vom KZ Westerbork zunächst in das Ghetto Theresienstadt deportiert, dann am 29. September 1944 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz. Am 4. November 1944 wurde Fritz Moses für tot erklärt.
 
 

Jülicherstraße 80, Aachen

 
 

Stolperstein Max Salomon:
Max Salomon (Geb. 29.10.1905) schaffte als 18-jähriger den Sprung in die erste Mannschaft von Alemannia Aachen. In rund 140 Meisterschaftsspielen schoss er weit über 80 Tore, womit er heute noch zu den erfolgreichsten Torschützen der Vereinsgeschichte zählt. Am 19. März 1933 bestritt Max Salomon im Rheinbezirksendspiel gegen den Sülz 07 sein letztes Pflichtspiel für die Alemannia. Wenig später musste er den Verein verlassen, die Vereinszeitung vermeldete lediglich knapp: “Salomon trat infolge der Zeitrichtung ab“.  Zunächst floh er vor der NS-Verfolgung nach Brüssel, bei einem Besuch in seiner Heimatstadt Aachen wurde er 1935 wegen “Rassenschande” verhaftet und wegen eines Verhältnisses zu einer “arischen” Frau zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Von Brüssel aus führte ihn seine Flucht später nach Frankreich, wo er jedoch bei Kriegsausbruch als Deutscher interniert wurde. Während der Besetzung Frankreichs durch deutsche Truppen wurde er am 4. September 1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort mutmaßlich am 24.März 1943 ermordet. Es gibt auch Hinweise das er auf dem Transport nach Ausschwitz zum Zwangsarbeitereinsatz eingesetzt wurde und den Zug verlassen musste. Bei diesem Einsatz könnte er in Oberschlesien zu Tode gekommen sein, die Spur verliert sich hier.

 
 

Thomashofstraße 15, Aachen

 
 
Stolperstein Robert Salomon:
Robert Salomon (Geb. 07.09.1898) war der Bruder von Max Salomon und Mitglied der Alemannia. 1933 wurde er vom Verein ausgeschlossen und floh in die Niederlande wo er später inhaftiert wurde. 1944 wurde er in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort am 28. Januar 1944 ermordet.
 
 

Bismarckstraße 92, Aachen

 
 

Stolperstein Hans Max Silberberg:
Über den jungen Hans Max Silberberg (Geb. 14.05.1927) ist leider wenig bekannt, der spätere Alemannia-Verwaltungsrat Mitglied Werner Koch schrieb in seinen Kindheitserinnerungen von seinem Kindsfreund Hännschen Silberberg, der immer ganz besonders vom jüdischen Alemannia Stürmer Max Salomon schwärmte. Hans Max Silberberg wurde am 27. April 1942 im Arbeitslager Rhenaniastraße in Stolberg inhaftiert und am 15. Juni 1942 zur Deportation nach Aachen gebracht. Von dort aus wurde er in das KZ Majdanek deportiert, wo er am 08. August 1942 ermordet wurde. Seine letzte Adresse bei seinem Vater war die frühere Friedenstraße 7 (heute Aretzstraße).
 
 

Aretzstraße 7, Aachen

 
 
 
Weitere namentlich bekannte Alemannia Mitglieder waren:
 

  • Dagobert Pintus (Geb. 1885) war Alemannia Mitglied und wurde am 11. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert und dort am 13. Februar 1943 ermordet.
  • Josef Keusch (Geb. 29. März 1905) aus Düren war Mitglied der Alemannia und wurde 1933 ausgeschlossen. 1941 wurde er in das KZ Majdanek deportiert und dort ermordet.

 
Sehr wahrscheinlich starben noch weitere Alemannen während des Holocaust oder kamen im Krieg um. Das ehrende Andenken an sie darf ebenso wenig in Vergessenheit geraten wie die Verbrechen, denen sie zum Opfer fielen.
 
 

Gedenkstein der Alemannia auf dem Aachener Waldfriedhof

 
 

Gedenkstein der Alemannia auf dem Aachener Waldfriedhof

 

Neben den Stolpersteinen gibt es auf dem Aachener Waldfriedhof einen Gedenkstein der Alemannia. Jährlich gedenkt der Förderkreis Alemannia Aachen 2000 seinen verstorbenen sowie in den Weltkriegen zu Tode gekommenen Alemannia Mitgliedern mit einer Kranzniederlegung. Im I. Weltkrieg waren 37 der damals rund 220 Vereinsmitglieder ums Leben gekommen, mindestens 46 Alemannen starben im II. Weltkrieg oder wurden im Konzentrationslager ermordet.

 

 

Gedenkstein Waldfriedhof Aachen mit den Namen der Gefallenen Alemannia Mitglieder im I Weltkrieg

 

Als nach dem Ersten Weltkrieg ein versöhnlicher Geist zwischen den Verbänden der verschiedenen Sportdisziplinen eingekehrt war, fusionierten die bereits befreundeten FC Alemannia 1900 und der Aachener Turnverein auf der Hauptversammlung im September 1919. Die Mitglieder beschlossen auch, den Gefallenen des furchtbaren Krieges ein würdiges Denkmal auf dem Sportplatz der Alemannia zu errichten. Der 2,70 Meter hohe und zwei Meter breite Findling wurde im November 1922 auf dem Tivoli eingeweiht. Breits 1924 gingen beide Vereine wieder auseinander. Die Aachener Stadtverwaltung erlaubte im Zuge dessen den Gedenkstein auf den Ehrenfriedhof umzusetzen und somit für beide Sportvereine zugänglich blieb. Der Gedenkstein geriet etwas in Vergessenheit bis der Förderkreis Alemannia Aachen 2000 den Stein durch Bildhauer und Steinmetz Cornel Bücken aus Kohlscheid restaurieren ließ. Gleichzeitig bekam der Gedenkstein eine neue Plakette unterhalb des kreisförmigen Elements mit der Inschrift:

 

 

 

Übersicht der in Aachen und der Städteregion verlegten Stolpersteine

Diese Übersicht der Stolpersteine dient nicht nur den jüdischen Alemannia Mitgliedern und Sportlern, sondern alle diejenigen die unter der NS-Herrschaft ihr Leben verloren haben.

 
 
 

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Quellen zur Recherche: