Haben wir gestern im Traditionsduell gegen Top Favorit Rot-Weiss Essen die bis dato beste Saisonleistung gesehen? Oder sticht es gerade nur so heraus weil die drei vorherigen Spiele mehr als mager ausfielen und unter dem Strich nur ein Pünktchen blieb? Oder lag es daran das man zuletzt wieder einen angeschlagenen Gegner als Aufbaugegner diente? Nach 12 (gespielten) von 18 (ausgetragenen) Spieltagen ziehen wir mal ein kleines Fazit zum Saisonstart.
 
Erinnern wir uns kurz zurück, neuer Trainer, neue Co-Trainer, neuer Sportdirektor, neuer Geschäftsführer, neue Spieler, alte Spieler und eine neue Saison unter Corona-Schutzbestimmungen. So präsentierte sich die Alemannia im Sommer seinen Fans. Und gleich gab es vor dem Saisonstart das wichtige Spiel im Bitburger Pokalfinale gegen den Mittelrheinligisten – aber gefühlten Regionalligisten – 1. FC Düren. Bis heute rätseln wir noch wie man so schlecht spielen konnte und am Ende sich bis unter die Knochen blamierte. Statt den großen FC Bayern München im DFB-Pokal zu empfangen gab es stattdessen nur eine Trainingseinheit hinter dem Parkhaus. Wir Fans waren zu diesem Zeitpunkt schon mega angefressen, denn wie sollte das erst in der neuen Regionalliga West Saison 2020/2021 sein? Zum Auftakt kam die Zweitvertretung des BVB, aufgerüstet mit weiteren guten Spielern und neuen Trainer (vom Regionalliga West Meister SV Rödinghausen) mit der Mission “Aufstieg in die 3. Liga”. Neben dem Top-Favoriten aus Essen ein weiteres Schwergewicht der Liga. Und Alemannia?
 
Nicht wenige fürchteten damals schon eine Packung zum Auftakt, direkter Abstiegskampf und alles unter dem Zeichen Corona-Pandemie das es nur in dieser Saison um das nackte Überleben geht. Der Etat um rund 1/4 gekürzt machten Spielerverpflichtungen zum Glücksspiel. Statt den nächsten Schritt zu gehen und weiter nach vorne zu kommen musste man nun einen großen Schritt zurück machen. Spieler die im Köcher waren kamen nicht, weil eben andere Vereine bessere finanzielle Konditionen bieten konnten. So kamen Spieler meist aus der Oberliga und mit etwas Erfahrung, der Kader blieb für nahezu 40 Spiele, die es zu absolvieren galt, personell unterbesetzt. Sportdirektor Thomas Hengen gelang aber das Kunststück den Kern der Mannschaft zu halten, selbst Spieler wie André Wallenborn benötigten zwar lange aber am Ende entschieden sie sich doch für die Alemannia. Glücklicherweise konnte auch ein Juwel aus der eigenen U19 gebunden werden, Takashi Uchino. Auch hier dauerte die Vertragsbindung etwas länger, umso erstaunlicher das er von den Spähern der umliegenden Konkurrenz nicht wahrgenommen wurde. Die Testspiele wurden zwar erfolgreich bestritten, allerdings mühte man sich mehr gegen unterklassige Gegner als einem lieb war. Und das alte Problem sollte weiter das neue Problem bleiben, das Ausnutzen und Verwerten von Torchancen. Vincent Boesen war vorne ziemlich allein, mit dem jungen Falaye Oluwabori sollte das Angriffsspiel fokussiert werden. Die entscheidende Frage war aber ob und wie man noch Spieler zum Tivoli bewegen konnte die im nahezu aufgebrauchten Etat noch unterzubringen waren.
 
Der erste Spieltag gegen Borussia Dortmund II stand unter dem Zeichen von Corona. 300 Zuschauer dürften nur in den Tivoli, erstmalig wurde ein Livestream angeboten für die Daheimgebliebenen. Und die Alemannia überraschte und spielte ziemlich gut mit gegen den Favoriten. Am Ende war eine Unaufmerksamkeit und Dortmund gewann glücklich mit 0:1. Beim ersten Auswärtsspiel bei Rot Weiß Ahlen war es dann andersrum. Die Alemannia präsentierte sich schlecht und hatte diesmal das Glückauf seiner Seite. Ein Traumtor von Vincent Boesen bescherte den ersten Saisonsieg. Dann folgte die erste von mehreren Zwangspausen wo Corona involviert war. Nachdem ein Spieler aus dem Leistungsbereich positiv auf Covid19 getestet wurde, musste die halbe Mannschaft in Quarantäne während der andere Teil nicht trainieren durfte. So fielen in der Folge bereits vier Spiele aus und im Laufe der weiteren Saison kamen dann noch einige mehr hinzu. Von Spielrhythmus musste man da nicht mehr sprechen. Aber nach den vier ausgefallen Spielen startete die Alemannia durch und hatte einer der besten Saisonstarts nach Jahren hinter sich, auch dank des Königstransfer von Hamdi Dahmani. Der Stürmer wechselte von Rot-Weiss Essen zum Tivoli wo er schon in der Jugend unterwegs war. Aber letzte Woche, als die englische Woche mit den Spielen gegen Fortuna Köln (0:1), 1. FC Köln II (0:0) und Sportfreunde Lotte (0:1) nur einen mageren Punkt zu Tage förderte, war dann schon etwas Tristesse am Tivoli angesagt. Trotz einer großen Verletztenliste, neuen Spieler-Verpflichtungen, turbulente Tage mit Spieleraufstand gegen den Trainer, einen außer Kontrolle geratenen Hauptsponsor der den Sportdirektor Hausverbot erteilte, die Mannschaft machte nicht den Eindruck das sie sich davon unterkriegen lassen würde. In allen Spielen lieferte sie einen großen Kampf auch wenn die Chancenausbeute mangelhaft bliebt. Der Ball wollte sich halt nicht ins Tor reintragen lassen.
 

 
Und nun kam es am 18. Spieltag zum großen Traditionsduell auf dem Tivoli. Spitzenreiter Rot-Weiss Essen gab seine Visitenkarte ab und spazierte bislang ungeschlagen durch die Liga. Personell Top besetzt untermauerten sie ihre Qualität und den Anspruch das dieses Jahr die Dritteliga erklommen wird. Mit Top-Torjäger Engelmann in ihren Reihen hatten sie eine verlässliche Waffe im Angriffsspiel. Ein paar Tage zuvor schoss er im Derby gegen den Wuppertaler SV diesen mit vier Treffern alleine ab beim 6:1. Währenddessen musste die Alemannia sich beim Tabellenletzten Sportfreunde Lotte mit einer 1:0 Niederlage in Unterzahl begnügen, obwohl sie das bessere Team auch mit einem Mann weniger war. In der Woche hatte Rot-Weiss Essen so viele Tore geschossen wie die Alemannia in ihrer bisherigen Spielzeit. Die Voraussetzungen wurden nicht besser, zu der Verletztenliste kam nun zwei weitere Coronafälle hinzu. Dank des bescheinigten Profi-Status der Regionalliga West und regelmäßigen Corona-Schnelltests war die Austragung aber nicht gefährdet solange man 16 Spieler aufbieten konnte. Das Limit erreichte die Alemannia noch gerade so. Mit dem letzten Aufgebot und ohne etatmäßige Innenverteidigung mussten es nun die übrigen Spieler richten. Da sollte einem doch Angst und Bange werden oder? Ohne Zuschauer, dank Corona, bot die Alemannia aber ein Spiel auf Augenhöhe und zeigte das sie kein Kanonenfutter war. Man spielte nicht nur gut mit, sondern erspielte sich auch gute Chancen. Auch wenn man in Rückstand geriet, die Mannschaft gab nicht auf und wurde am Ende belohnt. Ein Fehler von Rot-Weiss reichte und unser Torjäger Hamdi Dahmani machte gegen seinen alten Arbeitgeber das 1:1 und rang somit dem Favoriten ein verdientes 1:1 ab. Die beste Offensive konnte in Schach gehalten werden und Essens Top-Torjäger, der vorher alles “geregelt” hatte, kam nicht zum Zug und wurde von der Alemannia Abwehr “abgeregelt”. Das Unentschieden war nicht nur Balsam auf die Seele sondern auch ein Indikator das es in der Mannschaft stimmt. Manchmal ist eine mannschaftliche Geschlossenheit genau so viel Wert wie die spielerischen und finanziellen Qualitäten des Gegners.
 
Unter dem Strich nach zwölf gespielten Spielen präsentiert sich die Mannschaft mehr als gut, auch wenn sie zuletzt etwas aus der Spur gekommen ist. Mit dem 1:1 gegen Rot-Weiss Essen hat sie aber bewiesen das man trotz aller widrigen Umstände, die uns seit Saisonstart einholen, die Mannschaft insgesamt gefestigter ist als noch vor einem Jahr. Auch wenn Spieler einen Hänger haben, dann ist eben ein anderer da der die Arbeit erledigt. Zum Kreis der Aufstiegskandidaten zählten wir ohnehin nicht, das wäre auch zu vermessen. Obgleich man mit den Neuverpflichtungen bislang voll ins schwarze getroffen hat. Der Plan von Sportdirektor Hengen scheint voll aufgegangen zu sein, mit den Verpflichtungen von vertragslosen Spielern die direkt helfen können. Was möglich sein könnte wird sich zeigen wenn alle Spieler wieder zur Verfügung stehen. Die Mannschaft macht Spaß, und hätte es durchaus verdient wenn sie dieses als Feedback auch von den Rängen bekommen würde. Doch seit November gibt es nur noch Geisterspiele. Schmerzlich vermisst man es wenn man an gestern denkt als Hamdi Dahmani in der 83. Minute das 1:1 erzielte. Der Tivoli hätte Kopf gestanden. Von daher machen unsere schwarz-gelben auf dem Rasen einen tollen Job – trotz allem Hantier vor und hinter den Kulissen. Aber bis zum neuen Jahr zählt nun auch die mentale Stärke. Wenn die Beine müder werden muss der Geist wach bleiben. Denn die ganzen Nachholpartien bescheren uns englische Wochen bis kurz vor Heiligabend. Und am 9. Januar 2021 geht es schon wieder weiter in der Liga mit den nächsten Nachholpartien. Es bleibt keine Zeit zum Durchschnaufen, keine Zeit dem Körper die Ruhe zu geben. Ob das 2021 besser wird? Corona wird uns noch einige Zeit begleiten. Der Grundstein wurde gelegt, schauen wir mal wo wir tabellarisch am Heiligabend stehen.
 
 
 
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 × eins =