Nach Corona und einer Saison 2020/2021 zum vergessen wurde der Resetknopf gedrückt. Zurück auf Werkseinstellung. Die Alemannia wurde von ihren neuen Machern um Geschäftsführer Martin Bader und Coach Patrick Helmes runderneuert. Zuvor wurde alles auf links gedreht, was nicht mehr passte oder passen wollte wurde entfernt. Der eiserne Besen schwang sich durch den kompletten Tivoli durch, nicht ohne Staub und manch Enttäuschung aufzuwirbeln. Aber es musste so sein, nach einer Saison die wir hoffentlich nicht bzw. nie mehr erleben müssen und werden. Die Distanz zu den bisweilen drei Trainern und der Mannschaft war Pandemie bedingt so weit entfernt wie die Erde zum Uranus. Wahrscheinlich war es auch mit ein Faktor des Scheitern auf ganzer Linie. Die Lust auf “meiner” Alemannia war am Ende nur noch mikroskopisch groß. Die restlichen Spiele wurden ertragen und nur noch zur Kenntnis genommen. Echte Empathie kam nicht mehr auf. Die Tage wurden gezählt bis wir endlich von der grusligen Saison samt Mannschaft erlöst wurden. Ich kann mich nicht erinnern wann ich zuletzt so ein Scheißegal-Gefühl hatte.
 
Als Martin Bader als neuer Geschäftsführer vorgestellt wurde, entfuhr es zumindest mir mit einem WOW! Ein Bundesliga Vollprofi der die Geschicke der Alemannia im kaufmännischen und sportlichen Bereich leiten sollte? Hier am Tivoli? Hier bei der Alemannia? Mein Gott wie lange hatte ich mir so eine Person gewünscht? Mindestens 150 km weit weg, weit weg vom Öcher Klüngel und Schlachthof. Einer der völlig neutral den ganzen Alemannia Laden mal umkrempeln sollte – wenn man ihn denn lässt. Ein Mann der wahrscheinlich vernetzt ist wie kaum ein anderer vor ihm. Und sowas bei der Alemannia? Klingt unglaublich für einen Regionalligisten der immer nach mehr strebt aber sich im eigenen Netz aus Missgunst, Egomanen und narzisstischen Fürsten regelmäßig selbst den Fallstrick ums Bein band. Denn immer wenn wir Fans dachten, jetzt aber geht es aufwärts, jetzt aber machen wir den nächsten Schritt und schielen zur dritten Liga war die Saison bereits nach ein paar Spielen für uns gelaufen. In Zeiten der Corona-Pandemie war klar, der Gürtel muss enger geschnallt werden, ohne Fans und ohne Einnahmen musste geschaut werden das die Alemannia nicht unterging. Das haben, trotz reichlich Kritik, die handelnden Personen geschafft. Das war zwar still und wenig Transparent, aber der Dank ist zumindest von meiner Seite aus sicher das am Ende eine schwarze Null und sogar ein kleines Plus herauskam! Transparenz, das ist auch so ein Thema das wir in der Corona Zeit schmerzlich vermisst haben. Von Vereinsseite hörte man wenig bis nichts. Wochenlang gierten wir Fans nach Antworten auf viele Fragen, und bekamen selten eine Antwort die auch nur halbwegs zufriedenstellend war. Nach der Installation von Martin Bader änderte sich zunächst nichts daran, auch von ihm hörte man erstmal nichts. Kein guter Einstieg, den schon ging es in den einschlägigen Foren und Gruppen rund was man sich denn da ans Land gezogen hatte. Man solle nur mal nach Kaiserslautern und Nürnberg schauen welch verbrannte Erde er da hinterlassen hätte. Ja, man war geneigt nachzuschauen ob die Vereine überhaupt noch existieren! Aber tatsächlich kamen mir kurzweilig selber Zweifel auf als es die Fanaussprache direkt nach dem Spiel gegen den SV Straelen (2:3) vor dem Tivoli gab. Da war nicht nur ich, sondern auch andere geschockt was Martin Bader für ein “Bild” vermittelte. War es wirklich die richtige Entscheidung?
 

 
Ein neuer Trainer wurde am Tivoli vorgestellt. Tagelang geisterten die tollsten Namen in Aachen herum, von Angelo Barletta, Jürgen Kohler, bis hin zur Rückkehr von Fuat Kilic. Und dann wurde es – Patrick Helmes! Helmes? Und wieder rümpfte man die alemannische Nase, ein Kölner sollte uns in eine neue bessere Zukunft führen? Naja, ein Überschwang der Gefühle entlud sich nicht aber jetzt war er nun mal unser neuer Trainer. Wie immer, noch keine Stunde vorgestellt, las man schon die ersten Unkenrufe “das wird eh nix mit dem”. Ja, so schnell wird hier in Aachen geurteilt, für schuldig befunden und Hammer drauf. Es gibt nur Top oder Flop, himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt. Ein Mittelding gibt es nicht. Da geht es auch untereinander mal rabiat zur Sache. Auch eine Folge der monatelangen Corona-Pandemie, wo man nie hin wusste mit seinen Sorgen, Ängsten und Energie. Die einen solidarisierten sich mit Spielern, die anderen mit dem Trainer. Die Streitkultur, der gegenseitige Respekt in der Diskussion ging auch bei uns Fans verloren. Aber nun folgte etwas das aufhorchen ließ. Martin Bader bastelte intern mit Patrick Helmes am neuen Alemannia Kader. Und der erforderliche Schnitt sollte noch radikaler erfolgen als zuvor geplant. Da fanden sich dann Spieler auf der Transferliste wieder deren Verträge nicht verlängert wurden, oder wo der Spieler selbst nicht mehr verlängern wollte. Spieler die aussortiert wurden ersetzte man durch junge hungrige Spieler die künftig die neue Philosophie der Alemannia repräsentieren sollten auf dem Platz. Überraschenderweise wurde mit Christian Gartner ein Spieler am Tivoli vorgestellt der weit mehr als Regionalliga Niveau hat. Das man sich so einen Spieler leisten kann, Chapeau. Gut, ohne das tagelange gute zureden von Patrick Helmes wäre er wohl nicht aus der österreichischen ersten Liga in die deutsche Regionalliga West gewechselt. Da kommt schnell das Wort “Königstransfer” auf. Der Kader wurde verschlankt, verjüngt und präsentierte sich im Juni erstmals der Öffentlichkeit beim ersten Training zur neuen Saison 2021/2022.

 

 

Jetzt konnte man die neue Mannschaft mal unter die Lupe nehmen, auch den neuen Trainer Patrick Helmes sowie seinen Stuff aus Co-Trainer Uwe Grauer, Athletik-Trainer Christopher Pinter sowie Torwart-Trainer Sven Bacher. Auch mit Co-Trainer Uwe Grauer, der schon als Assistent neben Patrick Helmes in Österreich arbeitete, wurde ein Profi zum Tivoli geholt. Ich kann mich fast nicht erinnern wann wir so eine geballte sportliche Kompetenz hier begrüßen durften. Die ersten Testspiele zeigten schon die Richtung wo Patrick Helmes die Mannschaft hinbewegen will. Hohe Laufbereitschaft, Fitness, Pressing, Umschaltspiel, Flügelspiel und Standards. Mühte man sich letzte Saison noch gegen unterklassige Gegner ab, zeigte man nun direkt wer hier der Herr im Hause ist. Und das eindrucksvoll und mit Durchschlagskraft. Und noch eins wurde sichtbar, der Kampfgeist. Bei den beiden Testspielen im hohen Norden gegen Kickers Emden (2:1) und Hamburger SV II (3:2) zeigte die Mannschaft innerhalb von 24 Stunden wozu sie fähig sein kann. Erst kurz vor Spielende konnten die Kickers besiegt werden, dann ging es mal abends raus um den Kopf freizukriegen. Keine 24 Stunden später trat man bei der U21 des Hamburger SV an. In der ersten Halbzeit wirkte man platt und es bahnte sich ein Debakel an, nach einem schnellen Rückstand. Aus dem Ticker des HSV hieß es “es wird sich mehr angeschrien als gespielt“. Aber in der zweiten Halbzeit nahm die Alemannia das Zepter in die Hand und konnte am Ende das Spiel zum 3:2 Sieg drehen. Eine besondere Qualität stach heraus, denn so viele Freistoß Tore wie in den absolvierten Testspielen haben wir gefühlt seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen! Hier wurde endlich wieder Qualität geschaffen. Aber ausgerechnet im letzten Testspiel, und dann noch auf dem Tivoli, wurde das achte und letzte Testspiel gegen den FSV Frankfurt aus der Regionalliga-Südwest mit 0:1 verloren. Verpatzte Generalprobe für das erste Meisterschaftsspiel beim Aufstiegsfavoriten SC Preußen Münster, oder doch nicht? Sieben Siege aus acht Testspielen fühlten sich gut an, mehr aber auch nicht. Denn, und hier kommt die alte Fußballweisheit, was zählt ist das erste Ligaspiel. Und die Preußen sind nun mal neben Rot-Weiss Essen der absolute Topfavorit. Da haben wir eigentlich keine Chance, und doch liegt darin genau die Chance. Die Preußen waren Sonntag noch im DFB-Pokal unterwegs gegen Bundesligist VfL Wolfsburg, und haben dort ein starkes Spiel gezeigt auch wenn es sportlich in der Verlängerung verloren ging (1:3). Aber in der weiteren Verlängerung beim DFB-Sportgericht wird das Spiel wohl doch ein Sieg am grünen Tisch geben, aufgrund des Wechselfehlers der Wolfsburger. Aber die Alemannia ist nicht Wolfsburg, es ist kein DFB-Pokalspiel sondern einfache Hausmannskost der Regionalliga West. Ob sich die Preußen an uns verschlucken können? Oder sind wir am Ende doch nur das erwartete “Häppchen”?

 

 

Egal wie, wenn man alles zusammenfasst dann kommt nach langer Zeit wieder richtig Vorfreude auf. Irgendwie läuft es rund bei der Alemannia. Es gibt nun regelmäßig Bilder und Nachrichten aus dem Training und von den Auswärtsfahrten, es gibt Interviews und Informationen rund um unseren Klub. Man fühlt sich endlich wieder abgeholt als Fan. Natürlich, besser geht immer! Und wenn was fehlt bin ich ja da 😉 Aber so wie sich die Alemannia im Moment präsentiert macht es einfach wieder Spaß, ja man fühlt sich fast wie frisch verliebt. Das Bild in der Öffentlichkeit ist auch Dank Helmes, Bader und den Spielern wieder in einem positiven Licht gerückt worden. Im Stadion stehen wir demnächst hoffentlich wieder auf der Südtribüne oder besser auf der neuen Werner-Fuchs-Tribüne. Mein Gott, wie lange haben wir darauf gewartet das jemand kommt und unserem Werner endlich diese Ehre zuteil werden ließ. Da musste erst ein Martin Bader kommen und es mit seinen Mitarbeitern umsetzen. Und es soll ja weitergehen mit Ideen und Maßnahmen. Aber, wie alles bei unserer Alemannia, steht und fällt es mit dem sportlichen Erfolg. Einen Aufstieg kann ernsthaft niemand fordern. Ein Platz unter den ersten sechs wäre wunderbar. Realistisch werden wir am Ende wahrscheinlich im oberen Mittelfeld landen. Und wir sollten dem Team und Trainergespann die nötige Zeit geben, auch wenn es Rückschläge geben wird die kommen werden. Dann heißt es Ruhe bewahren und die Mannschaft unterstützen. Denn wenn etwas entstehen soll bedarf es Zeit und Weile, vor allem wenn der Erfolg sich nicht sofort einstellt. Das Fundament ist gelegt, jetzt geht es Stein für Stein weiter. Und im Moment jedenfalls ist man gerne dabei zu beobachten wie die einzelnen Steine zusammengefügt werden zum Alemannia Puzzle. Die neue Saison kann kommen, hoffentlich ohne neueren Lockdown, Einschränkungen und sonstigen Störeinflüssen. Wir wollen wieder Fußball sehen im Tivoli, singen, jubeln, fluchen, schreien. Alles das was wir seit über einem Jahr vermisst haben in unserem Wohnzimmer. Ich bin bereit – ihr auch?
 
In diesem Sinne – nur der TSV.
 
 
 
 

 

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