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Sep 18 2013

Kartoffelkaefer

Bezahldienste ok? Zeitungsverlag vs Twitterer

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Die Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten haben am 09. September in ihren Online Ausgaben eine sogenannte #Paywall eingebaut. Damit sind vorwiegend lokale Nachrichten nur noch gegen eine Gebühr lesbar. Das Preismodell gilt für alle Nicht-Abonnenten und kostet 4,90 Euro im Monat oder 0,99 Euro für 24 Stunden. Leser die bereits ein Print-Abo haben oder schon die ePaper Ausgabe lesen, bekommen die Artikel weiterhin kostenlos. Für die Generation der „Ommesönslömmel“ ein herber Schlag? Einige Leser äußersten sich bereits in den Kommentaren sehr unfreundlich, andere hinterfragten den Sinn und wiederum andere haben überhaupt kein Problem für gute Inhalte einer Zeitung zu zahlen. Auch auf Twitter wurde heiß diskutiert, worauf sich dann der stellvertretende Chefredakteur der Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten einschaltete.

 

Bernd Büttgens, neben stellvertretender Chefredakteur auch privater Blogger, lud zu einer Diskussion ein zum Thema Geld für News – Die Zukunft des Onlinejournalismus? Dazu hatte er sich „Verstärkung“ mitgebracht, u.a. Ulrich Kutsch (Geschäftsführung und Redaktionsleitung der ZVA digital) der die Online Zeitung vor 10 Jahren auf die Beine stellte und auch Marc Heckert (Online Redakteur). Zunächst war man erstaunt das aber auch wirklich alle Öcher Twitterer anwesend waren die vorab ihre Zusage gegebenen hatten. Normal, und so wie man es ja aus eigener Erfahrung kennt, kommen von 20 Leuten meistens nur 15. Bernd Büttgens stellte sich und seine Mannen kurz vor, ehe er auf das Thema schwenkte um das es ging. Warum soll man nun für Online Inhalte bezahlen, wo ist der Mehrwert und wie wird es aufgenommen von der Kundschaft? Zuvor wurde aber „Stillschweigen“ vereinbart unter den Diskussionsteilnehmern. Nicht weil man etwas zu verbergen hat, doch kamen einige Sachen zur Sprache die exklusiv in dem eingeladenen Kreis bleiben sollten. Zwei Stunden setzte man sich als Ziel für die Diskussion, danach bot Bernd Büttgens noch eine exklusive Führung durch den Zeitungsverlag an – inklusive Newsroom, Onlineredaktion und die neuen Druckanlagen.

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Diskutiert wurde u.a wie der Beruf eines Redakteurs sich durch das Mediennutzungsverhalten ändert. Die meisten Redakteure haben noch den klassischen Print von der Pike auf gelernt. Bernd Büttgens führte weiterhin aus, das man  zufrieden ist mit den Print Abonnements. Ebenso ist man zufrieden wie sich eine Woche nach Start des Bezahldienstes dieses entwickelt hat. Gründe hierfür wurden sodann diskutiert, warum man überhaupt eine „Bezahlschranke“ eingebaut hat in der Online-Zeitung. Der Wandel kam mit dem Online Medium, mit den klassischen Werbungen und Anzeigen in den Printausgaben kann man nicht mehr die Umsätze machen die benötigt werden. Artikel die mit einem eigenen Aufwand und Recherche produziert werden kommen hinter der „Bezahlschranke“. Andere, wie DPA Meldungen die man auch woanders lesen kann bleiben frei. Nun sucht man das richtige „Händling“ was nun vor und vor allen was hinter der Schranke gehört. Auch hier ist noch ein Lernprozess im Gange bei den verantwortlichen Redakteuren. Der Aachner Zeitungsverlag ist der 48zigste in Deutschland, der bezahlte Inhalte anbietet. Es gab lange Diskussionen ob und wie man das macht, dem Nutzer muss transparent sein warum er für etwas bezahlen soll.

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In die Runde gefragt wurde was sich denn die Twitterer anschauen, wenn sie die Online Ausgabe lesen. Hier waren die meisten eh schon Abonnementen, sei es bei der klassischen Print Ausgabe wie auch des ePaper. Einer aus der Runde berichtete das er morgens sogar die Zeit findet 50% der Artikel zu lesen. Ich bin froh wenn ich die Überschriften anreißen kann und bei interessanten Artikeln hängebleibe in der kurzen Zeit am Frühstückstisch. Der Vorteil des Online Lesens ist ja das man im laufe des Tages mehr Zeit findet nochmal „reinzublättern“. Eine Printausgabe, so wie ich sie auch mal eine  Zeit lang hatte, bleibt meist bis abends liegen und wandert dann in die Papiertonne. Denn durch die aktuellen Nachrichten liest man den „alten“ Kram ja nicht mehr. Andere Argumente wiederum zeigten dass das fühlen von Papier doch etwas anderes ist als am iPad zu lesen. Der allgemeine Tenor war das man für gute recherchierte Inhalte auch gerne zahlt. Zumal der Preis von 99 Cent attraktiv ist für ein Tages Abo. Ulrich Kutsch stellte heraus das man keineswegs konkurriert mit der Print- und Online Ausgabe. Ein großer Vorteil ist beim Online Medium die Aktuallität. Passiert etwas mitten in der Nacht oder trifft tagsüber ein Ereignis ein, so kann man hier direkt berichten während die Print-Leser „warten“ müssen.

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Bemängelt wurde aus der Runde das Artikel einfach niedergeschrieben sind, und man sich mehr weiterführende Informationen wünscht zu dem Thema. Sei es durch Verlinkungen innerhalb des Textes oder über die sogenannten „related links“. Marc Heckert, Online Redakteur der Aachener Zeitung, sagte dass dies schon teilweise umgesetzt ist durch ein Kästchen neben dem Artikel, aber man dennoch weiter daran arbeite. Man denke einfach noch zu „printig“ und dies sei ein Lernprozess. Man baut zurzeit auch an neuen Portalen, z.B. ein Gastro Bereich. Verwiesen wurde auch auf Fupa, das sich großer Beliebtheit erfreut. Angeregt wurde aus dem Kreis warum Themen wie „wo drückt der Schuh“ nicht auch in der Online Ausgabe zu finden sind. Hier sagten uns die Redakteure dass die Unterscheidung zwischen Print und Online nicht fließend sein kann. Auch die Frage nach „Kaufen von einzelnen Artikeln“ statt der gesamten Ausgabe der Zeitung ist für die Zukunft ein Thema. Zur Zeit aber ist es technisch schwierig da es noch kein einfaches Bezahlsystem gibt. Über Payload, wo man vorher Geld einzahlt und davon abgebucht wird, erachtete man noch als zu Umständlich.

 

Natürlich musste ich das Thema Alemannia anbringen, warum die im Gegensatz zu den Ost-Heinsberger und Cöllner nicht mehr Inhalte eingeräumt werden. Ich wusste natürlich das ich einen schweren Stand haben würde, denn das Argument „Gladbach spielt in der Bundesliga, Alemannia in der Regionalliga“ war schwer zu entkräften. Aber Bernd Büttgens, der ja ebenfalls ein schwarzgelbes Herz besitzt, sagte das man schon sieht wie das Klickverhalten der Leute ist wenn Alemannia gespielt hat. Die Klickzahlen sind umso höher je besser der Erfolg ist. Nach einem 0:5 sind die Klickzahlen natürlich gering. Zu den Hochzeiten der sportlichen Erfolge der Alemannia hat auch die Zeitung profitiert, was zeigen würde was Alemannia für eine Bedeutung hat für eine Region wo alle von profitieren (im Erfolgsfall). Zurück zum Thema, ein weiterer Einwand war das man natürlich nicht mehrere Abos sich leisten wolle, sei es AZ/AN, Spiegel, Heise, Stern etc. Warum schließen sich die Zeitungen nicht zusammen und machen eine Art „Flat“ draus? Das, so die Redakteure, wäre eine Option die in ein paar Jahren vielleicht schon greifbar wäre.

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Überrascht war man über die Art der Diskussion nach der Ankündigung der Bezahlinhalte, die in dem Kommentar Bereich teils heftig und unqualifiziert geführt wurde. Bei persönlichen Beleidigungen und Drohungen war das Maß schnell überschritten und die Löschtaste ein unweigerliches Mittel. Da war die Twitterrunde hier sehr moderat 🙂 Schade das die großen Kritiker, die sich über Twitter echauffiert haben, nicht anwesend waren. Deshalb ein Kompliment an die Redaktion der AZ/AN die zu dieser Runde einluden.  Die Zeit verflog wie immer im Fluge, und nun sollte es noch eine kleine Führung durch das Gebäude geben. Wir hatten Glück, neben dem Newsroom wo die „Kommando Zentrale“ sitzt vor Monitoren und fleissig recherchiert und tippert, konnten wir in der Halle noch die Rotation und den Andruck der Jülicher Zeitung live erleben. Diese wird abends um 22:45 Uhr als erste produziert, den Abschluss bildet die Stadtausgabe Aachen um 3 Uhr morgens. Dutzende Papierrollen im Keller warten darauf bedruckt zu werden. Durch die Aluminium Druckplatten, die nur einmal benutzt werden, werden die Zeitungen gedruckt und erreichen papiermäßig bis zu 800km pro Tag. Um 23:30 Uhr war unser Besuch zu Ende, man hatte sich ausreichend Zeit genommen um uns das wichtige zu zeigen. Wann erlebt man schon mal einen Papierrollenwechsel im laufenden Betrieb? 🙂

 

Persönlich habe ich schon zweimal an einer solchen Veranstaltung teilgenommen, und kann diese nur empfehlen. Wenn es Dinge gibt die der Leserschaft unter den Nägeln brennt ist Bernd Büttgens der letzte der nicht zu einer Diskussion einlädt. Ziel des Abends war ja nicht das die Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten wieder zurückrudern in Sachen Bezahlen von Inhalten, aber das Verständnis warum und weshalb wurde doch um einiges klarer. Umsonst arbeitet niemand, und Umsonst gibt es keine fundierten lokalen Artikel. Trotzdem, auch wenn man nicht „affin“ dafür ist, eine Führung durch das Zeitungsgebäude sollte man machen. Damit man weiß wieso die Zeitung so gefaltet bei einem im Briefkasten liegt 🙂