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Mrz 11 2013

Kartoffelkaefer

Aachen sagt Nein zur Campusbahn – Eine Nachbetrachtung

Campusbahn-Header

 

Die Bürger der Stadt Aachen haben entschieden, und das eindeutiger als erwartet. Mit 66,34 % votierten Zweidrittel der Öcher gegen den Bau der Campusbahn. Nach dem Bauhaus Europas (das ebenfalls per Bürgerentscheid zu Fall gebracht wurde) ist nun das nächste Millionenprojekt gescheitert. Erstaunlich ist das klare Votum, wo die Ratfraktionen aus CDU, die Grünen, SPD, UWG und Linke im Dezember mit 91,4% für den Bau votierten. Politik vorbei am Bürger? So könnte man es als Außenstehender denken. Aber so ist es wahrscheinlich doch nicht.

Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Und hier liegt wohl auch des Wurzels Übel. Die Stadt wollte von dem Förderprogramm profitieren, bei einem Investitionsvolumen von 240 Millionen Euro. Davon wären ca.127 Mio Euro an Fördermittel geplant gewesen. Nachdem die Stadt „grünes Licht“ gegeben hat zum Bau der Campusbahn, sollte nun der Bürger entscheiden. Will man in Aachen die „Tram“ wieder zurückhaben oder nicht? Diese wurde 1974 eingestellt, ein Gutachen der RWTH kam zum folgenschweren Beschluß das sie unrentabel, unflexibel und zu teuer sei im Gegensatz zu den damaligen hochmodernen Bussen.

Von Brand (Aachen Süd) bis zum neuen Klinikum (Aachen Nord) sollte die Campusbahn fahren (Einstiegskonzept). Dazu müssten gerade frisch samierte Straßen (wie z.B. die Trierer Straße in Aachen Brand), die Millionen gekostet haben, wieder aufgerissen werden um die Schienen plus mögliche Oberleitungen zu installieren. Neben den Strassenumbauten, Anschaffung der Bahnen, Ausbau der Infrastruktur mit Haltepunkten und Betriebsbahnhöfe würden auf die Stadt Aachen jährliche Folgekosten von rund 6,3 Millionen Euro dazukommen.

In den Augen der Campusbahn Gegner zu viel für eine Stadt, die ohnehin seit Jahren klamme Kassen erlebt. Campusbahn = Größenwahn zeigte sich eine Bürger-Initiative überzeugt, das solch ein Projekt den Aachenern garnicht zu Gesicht stehen würde. Andere führten an das die verbliebenen Busse nur noch Zubringer sein würden für die Campusbahn. Bewohner von außerhalb Aachens , z.B. aus Kornelimünster, Stolberg, Walheim, und Freund, wären nun gezwungen in Aachen-Brand umzusteigen. Ein Verlust von Komfort und der Mobilität älterer Mitmenschen. Zudem gebe es den übervollen Bus nur temporär zur Morgenstunde, das durch mehr Busse und mehr Flexibilität mit einer Entlastung erreichbar wäre. Tagsüber sind die Busse nicht voll ausgelastet, so das man bequem fahren und sitzen kann.

Die Befürworter hingegen sehen die Bahn als unumgänglich an. Rein ökologisch würde sie ins Stadbild passen, die Erinnerung an alte Zeiten in einer modernen Stadt. Mit dem Bau des Campus der RWTH Aachen werden zudem noch mehr Studenten und Arbeiter unterwegs sein die befördert werden müssen. Das heutige Bussystem ist an der Belastungsgrenze gestossen, der Infarkt droht in wenigen Jahren. Schon heute müssen zu Stoßzeiten die Busse an Haltepunkte vorbeifahren und Leute stehen lassen. Und zur einer Technologie Stadt gehört auch ein modernes Beförderungsmittel, ganz umweltgerecht. Die Fahrzeiten von Aachen-Brand zum Aachener Klinikum würden sich um 9 Minuten verkürzen lassen.

Es gibt sicherlich noch eine Reihe von Pro´s und Contra´s zu diesem Thema, das ich nicht aufgeführt habe. Meiner Meinung nach hat die Politik und die Befürworter der Campusbahn das ganze handwerklich falsch angepackt. Die Information an die Bürger der Stadt Aachen war suboptimal, man holte den Bürger, der die Bahn nutzen sollte, nicht ab. So euphorisch die Stadt das Projekt voranbrachte, vergas man den einfachen Bürger auf der Straße. Alleine schon der Name „Campusbahn“ suggierte doch das viele meinten es würde eine reine Studentenbahn werden. Übervolle Busse? Übervolle Straßenbahn? Wo ist der Unterschied? Umsteigen um von A nach B zu fahren? Und wieso sollten Straßen, die vor kurzem noch saniert wurden, wieder aufgerissen und neue gestaltet werden?

Die Bürger Aachens haben auch die Nase voll von den Baustellen in Aachen. Einen Bau der Campusbahn hätte zur Folge gehabt das jahrelange Baustellen von Aachen-Brand bis zum Klinikum das Stadtbild prägten. Schon seit Jahren lebt man hier nicht mehr in Bad Aachen sondern in der Baustelle Aachen. Überall in der Stadt wird aufgerissen, erneuert, zugeschüttet, wieder aufgerissen und wieder zu geteert. In anbetracht leerer Stadtkassen konnte man zudem nicht vermitteln wie man sich eine Campusbahn leisten wollte, wenn gleichzeitig Straßen, Betreuungseinrichtungen, Kitas und Schulen sanierungsbedürftig brach liegen weil kein Geld vorhanden ist. Das ist dem Bürger, der den ganzen Spaß ja irgendwie bezahlen soll, doch zuviel.

Das nur 1 Stadtbezirk von 94 für die Campusbahn stimmte ist ein Schlag ins Gesicht für die politischen Ratsfraktionen in Aachen. Denn nüchtern betrachtet muss sich die Politik selbst hinterfragen wie nah sie am Bürger ist. Laut Auszählung und Abstimmung weit weg. Mit etwas mehr als 40% Bürgerbeteiligung kann man zufrieden sein, auch wenn das die Befürworter enttäuscht anders sehen. Hier muss man ihnen aber sagen das es offensichtlich nicht gelungen ist die „Ja-Stimmer“ an die Urne zu bringen. Entscheidend war wohl auch das Großprojekte wie BER in Berlin und Stuttgart21 bundesweit in Schlagzeilen sind und die Kosten dort aus dem Ruder laufen, von der verzögerten Fertigstellung ganz zu schweigen.

Überhaupt fand ich persönlich das „Nachbeben“ auf Twitter und Facebook schlimm und peinlich von den Campusbahn Befürwortern. Da wurden die „Nein-Sager“ für dumm abgestempelt, die Stadt würde weiter an Attraktivität verlieren, Fördergelder gehen an andere Städte, überhaupt wird die Welt in Aachen untergehen. Die anderen polemischen und wortgeistreichen Feinheiten lass ich hier mal besser weg. Schlechter Stil zeigt auch die Politik in Aachen, wenn sich ein Oberbürgermeister vor die Kamera stellt und freimütig erzählt „..dass nun andere Lösungen gefunden werden müssten, die sicherlich auch erhebliche Kosten zur Folge hätten„. Immerhin betont man die demokratische Abstimmung die man zu akzeptieren hat, auch wenn das nicht jedem gefällt.

Oder man redet eine Niederlage damit schön, das man sowieso etwas (alternatives) macht und es genauso viel kosten wird. Frei nach dem Motto, das Kind bekommt einen anderen Namen und kostet dem Bürger genauso viel. Auch das Statement von Helmut Ludwig (Grüne) passt: „Es ist leider so, dass verhindern einfacher ist als gestalten„. Das sagt ausgerechnet jemand dessen eigene Partei jahrelang Projekte verhinderte und versuchte zu verhindern (als die Grünen noch nicht an der Ratsmehrheit beteiligt waren). Die Ohrfeige des Wählers tut den Befürwortern sehr weh.

Aber wie geht es weiter? Ein neues Konzept muss her, und am besten eins das von allen getragen wird und rechtzeitig die Bürger ins Boot geholt werden. Rechtlich gesehen könnte die Ratsfraktion in 2 Jahren erneut den Bürger über die Campusbahn entscheiden lassen. Bis dahin darf das Thema allerdings nicht mehr behandelt werden. Aber heute war zu hören das man davon Abstand nimmt, zu eindeutig das Nein-Votum. Alternativen müssen her, denn das die Busse auch effektiver fahren können und Strecken bedienen die außerhalb von „geradeaus sind“ ist machbar. Die Campusbahn hat sich für die nächsten 20 Jahre erledigt (laut OB Philipp). Dabei ist das Thema Stadtbahn nicht völlig tot, mit einem neuen Konzept, bessere Information und vielleicht zu Anfang nur halb so groß, könnte das Interesse neu geweckt werden in einigen Jahren. Wenn eine Bahn vom Campus Melaten zur Aachener Innenstadt fährt, könnte man dem Bürger im „kleinen“ zeigen was für Vorteile eine Bahn mit sich bringt. Die Bahn ist noch nicht tot in Aachen, aber sie muss besser durchdacht und erklärt werden. Es reicht nicht aus Informationen anzubieten, der Bürger muss abgeholt werden. Nun warten wir mal ab wie der Plan B der Politik aussehen wird. Denn auch ohne Campusbahn können gute Ideen entwickelt werden.