«

»

Jan 31 2013

Kartoffelkaefer

Gerechtigkeit oder Mitleid? Was nun wirklich zählt für die Alemannia

Tivoli_width

 

Nachdem wir uns ja mittlerweile doch einigermaßen von „Schock“ der Insolvenz im Oktober 2012 erholt haben, neue Zuversicht gestreut wurde und auch die Fans alles mögliche tun (soweit sie es können), muss man doch wieder auf dem harten Boden der Realität zurückgeholt werden. Das taten gestern nun die Stadt Aachen und der Deutsche Fussball Bund (DFB).

 

Die Stadt Aachen tagte gestern in ihrer Ratssitzung und beim Thema Alemannia kam die ganze Wut und Enttäuschung hoch, so das die Fraktionen zu einem globalen Rundumschlag ausholten. Neben der Wut, das man betrogen wurde nach Strich und Faden, gab es die Enttäuschung darüber das sich Alemannia bislang überhaupt noch nicht einsichtig zeigte und zumindest eine Entschuldigung Richtung Stadt signalisierte. Andersrum kann man auch sagen wieso sich Alemannia entschuldigen soll? Es gibt da einfach nichts zu entschuldigen! Die „kriminelle“ Energie, die Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp im Oktober 2012 offen aussprach, scheint ja Fakt zu sein. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen die Aufsichtsratsmitglieder der Alemannia nebst ihrem ehemaligen Vorsitzenden Meino Heyen und dem ehemaligen Geschäftsführer Fritjhof Kraemer. So fielen dann auch markante Worte, wie durch CDU Fraktionchef Harald Baal der sagte: „In einer Mischung aus Drama und Tragödie haben die Herren am Tivoli die Solidargemeinschaft mit der Stadt Aachen aufgekündigt„. Auch Grünen-Fraktionssprecherin Ulla Griepentrog stellte klar: „Eine kostenlose Stadionnutzung wird man nicht zustimmen, denn alles andere käme einer aktiven Hilfe der Stadt zur Finanzierung des Spielbetriebs gleich“. Und einmal in Wut geredet durfte die gerne herausgeholte Polemik auch nicht fehlen, wie CDU Fraktionschef Heiner Ball anmerkte: „Als der Rat die Hand zur Hilfe und zur Umfinanzierung ausstreckte, war es nicht die Stadt, die uns alle zusammen betrogen hat. Auch habe nicht die Stadt ein „übergroßes Stadion“ gebaut oder auch „Sponsoringzusagen“ für die Zukunft verkauft, um aktuelle Löcher zu stopfen„. Grünen-Fraktionssprecherin Ulla Giepentrog setzte dann noch einen drauf: „Wenn die Konkursverwalter nun den einfachen Mitgliedern erneut ungeniert das Geld für den abermaligen Erwerb ihrer Dauerkarten und für Rettungs-T-Shirts aus der Tasche ziehen, wobei die treuen Fans schon ihre Fananleihe nur noch in den Wind schreiben können, dann werden mit den neuen Einnahmen doch hoffentlich nicht nur die Insolvenzverwalter bezahlt„.

 

DSC_7919Soweit, so gut. Die Stadt hat ja mit dem was ihr wiederfahren ist absolut Recht. Aber, es gibt auch immer zwei Seiten der Medaille. Denn dass das Finanzkonstrukt zusammenbrechen würde über kurz oder lang, wurde den Ratsmitgliedern schon vom ehemaligen Aufsichtsrat Mitglied Horst Rambau per Email mitgeteilt. Dort informierte Horst Rambau seinen „Chef“ Meino Heyen und die übrigen Gremienmitglieder auf ein drohendes „Desaster“ hin. Rambau rechnete seinen Kollegen vor, dass man anhand der Planrechnung von Geschäftsführer Frithjof Kraemer „als Drittligist mit Mindereinnahmen von 2.729.000 Euro rechnen müsse. Da Herr Kraemer bereits mit einem Verlust von 1.747.000 Euro geplant hatte, bedeutet dies, dass uns aktuell 4.5 Mio Euro fehlen. Diese eMail war auch dem Oberbürgermeister bekannt, der im Interview bei WDR Lokalzeit Aachen diese Mail nicht bestritt, aber man sich dennoch auf die vorliegenen Wirtschaftgutachten verlassen habe. Man kann also nicht sagen das die Stadt „überrascht“ wurde. Dennoch, unter dem Strich bleibt der Groll bestehen und ist auch nachvollziehbar. Vielleicht hätte man als Stadt schon damals eine große Lösung finden müssen wie man Alemannia bei dem Stadionprojekt unterstützen kann, so wie es andere Städte mit ihren Vereinen auch gemacht haben. Denn das Alemannia sich an diesem Brocken mit jährlichen 6 Mio Euro Tilgung die Zähne ausbeissen würde, hielten nur die Allergrößten Optimisten für unwahrscheinlich. Leider können sich gerade jene nicht mehr daran erinnern, obwohl auch sie damals ein großes Amt begleideten im Verein und in der Stadt. Zu guter letzt sprach auch in der Ratssitzung FDP Fraktionschef Georg Helg als Schlusspunkt das harte Urteil aus: „Niemand außerhalb dieses Rathauses hat das Recht, Politik und Verwaltung irgendwelche Vorwürfe zu machen. Wir haben geholfen, wo Hilfe möglich war, nämlich bei der Umfinanzierung der Stadionimmobilie. Die Alemannia müsse jetzt selbst ihre finanziellen Probleme lösen„.

 

Alemannia_Wappen_small1Nun, es wird noch eine ganze Zeit dauern bis der Rauch des Zornes im Stadtrat verflogen ist und man wieder auf sachlicher Ebene miteinander redet. Denn das man reden muss wird angesichts einer bevorstehenden Insolvenz nötig sein. Die Stadt hätte zusammen mit der AachenerMünchener Versicherung ein 60Mio Euro schweres Stadion am Hals, und keine Mannschaft die darin spielen könnte. Da kann man sich noch so hart aufstellen, dieses Szenario kann keiner ernsthaft wollen. Das man der Alemannia dann das Stadion kostenneutral anbieten würde um ihre Ligaspiele zu bestreiten, wird auch niemand ernsthaft in Erwägung ziehen können. Es wird vielleicht eher so sein, sollte Alemannia sich sportlich für die 3. Liga weiter qualifizieren und die Sanierung des Vereins von kompetenten Leuten begleitet werden, das man sich im Sommer zusammensetzt und über eine neue Lösung redet. Eine Lösung die der Stadt dienlich ist, und auch der Alemannia. Denn nur wenn Alemannia spielt, und das erfolgreich und irgendwann wieder in der zweiten Liga, kann Geld fließen in der Schuldentilgung. Dazu ist es nötig das im Aufsichtrat und Vorstand neue Leute sitzen, neue Leute die Kompetenz und Sachverstand haben und auch rechnen können. Und vor allem einen Aufsichtrat der auch kontrolliert und nicht nur stillschweigend zusieht. Leute wie Nobis, Terbrack und Kutsch, die immer noch im Aufsichtsrat sitzen, gehören spätestens bei der Jahreshauptversammlung in den Wind geschossen. Denn mit diesen Leuten wird sich aus der Stadt niemand mehr ernsthaft zusammensetzen wollen. Und wenn diese neue Leute die Alemannia begleiten kann verloren gegangenes Vertrauen mit der Stadt wieder aufgebaut werden. Denn eines darf man nicht vergessen. Alemannia ist Aachen und Aachen ist Alemannia. Dieses Band kann man nicht einfach wegwerfen.

 

110_Jahre_TSVAuch der Deutsche Fussball Bund (DFB) gab gestern eine ernsthafte Warnung Richtung Alemannia. So schön man sich das bei der Alemannia ausgedacht hat mit neuen kostenneutralen Spielerverpflichtungen, so schnell legte der DFB sein Veto ein. In anbetracht der Liquiditätslücke von aktuell 1,2 Mio Euro kann der Verein nicht einfach neue Spieler unter Vertrag nehmen. Somit ist der Transfer von Nils Zander (Schalke II) hinfällig, ebenso wie eine Verpflichtung von Andreas Ibertsberger. Dafür konnte man Tom Moosmayer für die Alemannia II verpflichten, immerhin. Zum einen hat der DFB natürlich recht, wenn ein Klub „pleite“ ist kann man nicht einfach Spieler transferieren selbst wenn sie wenig kosten. Bei Nils Zander hingegen ist es schon merkwürdig, denn der Spieler von Schalke 04 II hätte der Alemannia wirklich keinen Cent gekostet da Schalke das Gehalt weiterhin übernommen hätte. Da kann man den DFB nicht so ganz folgen, anders als im Fall Andreas Ibertsberger und Tom Moosmayer. Selbst wenn Tom Moosmayer wenig Gehalt erhält, ist es doch mehr als ein Nils Zander. Aber im Grunde hat der DFB nunmal recht. Das hätte auch der Alemannia bewusst sein müssen. Wenn man nichts hat kann man auch nichts einkaufen.

 

Ist das nun alles Gerecht was mit der Alemannia passiert? Oder haben wir Mitleid verdient? Diese Frage muss jeder für sich beantworten, aber wir alle Wissen wem wir genau es zu verdanken haben das unser Verein momentan da steht wo er steht. Und die Frage nach der Liquidität bis Saisonende konnte uns auch noch keiner beantworten. Somit kann jeden Tag das Licht am Tivoli entgültig ausgeknipst werden. Das sollte jedem bewusst sein!

3 Pings

Kommentare sind deaktiviert.